Lorettas Leselampe - Januar 2008

ID 20540
 
Georges Didi-Huberman / Knut Ebeling: Das Archiv brennt. Eine Reflexion zur Überlieferung des Holocaust.
Audio
13:42 min, 6426 kB, mp3
mp3, 64 kbit/s, Stereo (44100 kHz)
Upload vom 14.01.2008 / 14:51

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Klassifizierung

Beitragsart: Rezension
Sprache: deutsch
Redaktionsbereich:
Serie: Lorettas Leselampe
Entstehung

AutorInnen: Lorettas Leselampe
Radio: FSK, Hamburg im www
Produktionsdatum: 14.01.2008
keine Linzenz
Skript
Georges Didi-Huberman / Knut Ebeling: Das Archiv brennt. Kadmos 16,90 €

Didi-Huberman hat ja in Bilder trotz allem eine beeindruckende Lektüre der vier illegal aufgenommenen Fotografien aus Auschwitz vorgelegt. (vgl. Rezension im Juli 2007 bei www.freie-radios.net, Eintrag 17957). Momentan arbeitet er an einem Buch Das Bild brennt, von dem wir in dem schön gemachten kleinen Kadmos-Band Das Archiv brennt einen ersten Eindruck erhalten. Das Archiv brennt ¬– der Begriff des Archivs hat ja durch Michel Foucaults Archäologie des Wissens von 1969 eine neue Bedeutung erhalten. Im Französischen zum ersten Mal im Singular benutzt, öffnete Foucault das Archiv als System der Aussagesysteme einer Zeit mitsamt von deren Materialität und das heißt nicht weniger als unser positives Wissen – mit allen dies behafteten Problemen: Ausschluss, Löchrigkeit, Verstreutheit und so weiter. Didi-Huberman beginnt seine Ausführungen mit folgender Überlegung:

„Das Eigentliche des Archivs ist seine Lücke, sein durchlöchertes Wesen. Nun sind die Lücken oftmals das Ergebnis willkürlicher oder unbewusster Zensuren, Zerstörungen, Aggressionen oder Autodafés. Das Archiv ist häufig grau, nicht allein durch die verstrichene Zeit, sondern auch von der Asche des Umgebenden, des Verkohlten. Indem wir das Gedächtnis des Feuers in jedem einzelnen Blatt entdecken, das nicht verbrannte, erfahren wir die Barbarei, die – wie es Walter Benjamin so treffend charakterisierte – in jedem Kulturdokument bezeugt ist. „Die Barbarei steckt im Begriff der Kultur selbst“, schreibt Benjamin“.

Das Archiv ist kein neutraler, machtfreier Ort. Im Gegenteil, er ist umkämpft. Immer wieder wurden im Laufe der Geschichte zerstört – und diese Zerstörungen sicherten eine bestimmte, danach herrschende Geschichtsschreibung. Wer diese Klassenkämpfe um die Geschichts¬schreibung nicht berücksichtigt, wird immer die Herrschaftsgeschichte fortschreiben. Gerade das zeigt die Bedeutung der wenigen Überlieferungen durch das Sonderkommando in Auschwitz, die vergrabenen Schriften und die schon erwähnten vier Fotos. Doch wieviel ist vernichtet worden? So sagt Alter Feinsilber 1945 aus, das er

„in der Nähe der Krematorien auf dem Gebiet vom Lager Birkenau eine Photokamera, Reste von Gas in einer Metalldose und Aufzeichnungen auf Jiddisch über die Zahl der Menschen vergraben“ hat.

Feinsilber ist sich auch sicher, diese Zeugnisse der Vernichtung wiederfinden zu können. Doch vergebens. Didi-Huberman kommentiert diese Aussage:

„Die Photokamera und die darin wahrscheinlich enthaltene Negativrolle, die Alter Feinsilber 1944 vor den Krematorien von Auschwitz vergrub, wurden niemals wiedergefunden. Entweder vermischten sich diese Bilder mit der Asche der Toten oder aber sie wurden ausgegraben und dann von den Grabräubern weggeworfen, die das Lager auf der Suche nach ‚Judenschätzen’ durchkämmten.“

Die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis hat viele Wege gefunden. Nicht zufällig kommt der Kunsthistoriker auf diese Überlieferung, denn nie wurden in der Geschichte so gezielt eine Menschengruppe vernichtet – und mit ihr alle Zeugnisse, die auf ihre Existenz hinweisen könnten. Die Asche der Vergasten und danach Verbrannten wurde zerstoßen, dass sie als Dünger dienen konnte. Aber es war zuviel Asche, so dass sie auch einfach in die Flüsse Sola und Weichsel geschüttet wurde und dort zerstreute.
Dies ist nicht die Asche eines verbrannten Archivs und es ist essentiell diese Asche der Toten von der Asche des vernichteten Archivs zu trennen.
Didi-Hubermans leider viel zu kurze Essay endet an dieser Stelle und es ist irritierend, wenn der zweite, längere Essay Die Asche des Archivs von Knut Ebeling folgendermaßen beginnt:

„Nach dem Feuer: die Asche. Die Asche des Archivs ist noch warm; nachdem man in sie hineingeblasen hat, sind die Fetzen und Reste eines Denkens dabei, sich zu setzen. Der beste Moment, um das Feuer und den Brand zu rekonstruieren. Denn die Asche ist nicht nur negativ, indem sie aufs Abwesende und Abgebrannte verweist. Sie ist auch positiv, indem sie über die Brandstätte informiert. Das Archiv hat gebrannt, vielleicht brennt sein Denken noch“.

Ebeling kann nichts für die Positionierung seines Textes im Buch, doch sobald die Asche von Auschwitz in Bezug zu dieser Reflexion über die Asche des Archivs gesetzt wird, verliert sie an Überzeugung. Denn die Überlieferung des Sonderkommandos ist nicht nur metaphorisch fragmentiert, die beschriebenen Zettel haben aufgrund der schwierigen Aufbewahrung in Dosen und so weiter richtige Löcher, die nicht von einem Brand stammen, obwohl sie versuchen, die Verbrennung der vielen vielen Juden zu erinnern.

„Vielleicht brennt sein Denken noch.“

Von welcher Situation schreibt der Autor, in dem das verbrannte Archiv noch wärmt?

„Was brennt am Archiv, und am Denken des Archivs, das ist das idiosynkratische Verhältnis zwischen Vergänglichem und Gemeißeltem, zwischen Asche und Marmor, Stein und Wort, Leben und Gesetz. Wenn ein Archiv errichten heißt, die aufewirbelten Fetzen der Asche in eine neue Ordnung zu bringen, dann besteht die Arbeit der Philosophie darin, dieser Ordnung zuvorzukommen und dem Feuer mit der Asche ein Unbrennbares abzutrotzen“.

Nun – es ist nicht nötig vom Klassenkampf zu schreiben, aber die Bestimmung der Aufgabe der Philosophie scheint hier doch an etwas zu glauben, dass sich nicht durch bestimmte Kämpfe verwerfen läßt – was aber auch bedeutet, dass die Philosophie, wie Knut Ebeling sie entwirft, diese Kämpfe nicht würdigt, zumindest nicht wie der von Didi-Huberman zitierte Walter Benjamin. Der Autor interessiert sich für das relativ abstrakte Verhältnis zwischen Archiv und Gesetz, von dem Jacques Derrida in Dem Archiv verschrieben nachweist, dass es gleichursprünglich ist. Dies arbeitet Ebeling kenntnisreich nach, besonders das athenische Archiv gibt ihn ein wegweisendes Modell. Seine Lektüre ist nicht uninteressant, aber soweit ich es überschaue, verkennt er, welcher Brand das 20. Jahrhundert heimgesucht hat (und dass dieser Brand eben auch Derridas Freud-Lektüre motiviert). Des Kulturwissenschaftlers Ausblick bleibt entsprechend leer. Ihm fehlt Didi-Hubermans historische Erfahrung, er ersetzt sie durch die Lektüre der Dekonstruktion Derridas, deren historischer Index dabei merkwürdig in Vergessenheit gerät:

„Das Inferno kommt nicht von den vergangenen Flammen her, sondern vom Eingedenken in die Abgetrenntheit des Buches von jeder Flamme. Der Wahnsinn des Buches und des Buchstabens besteht darin, dass sie die Realität nicht berühren. Der Feuersturm bricht in dem Moment aus, in dem man die Abgetrenntheit des Buches von jeder Flamme gewahr wird. Im Leerraum des Buches lodern seine Flammen. Daher kann man das Buch gegen die Flammen wappnen, die in ihm, zu jeder Zeit, ausbrechen können; darum kann man das Buch unzerstörbar machen gegen das Feuer, gegen das unzerstörbare Feuer, das es selbst entzündet.“

Dies Lektüremodell der Überlieferung von Auschwitz hat seine Berechtigung, stellt es doch die Frage, wie die Erinnerung an die Vernichtung tradiert werden kann. Wenn dieser Bezug aber unbenannt bleibt, die immer zu konkretisierende Vernichtung in das Unbenennbare oder das Verhältnis von Buchstabe und dem ihm umgebenden Weiß, verschoben wird, verschwindet das, was das Eingedenken doch gewahren müßte: die Trauer um das, was unbekannterweise vernichtet wurde. Es ist keine Trauer um das Archiv, sondern eine Trauer um die Toten, von denen in keinem der Archive Zeugnis abgelegt werden konnte.