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Holzschnittsprech -- Sprachschablonen der Bescheidwisser in der Krise |
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| Brief description |
Seit Monaten vergeht kein Tag, an dem sich Experten nicht darüber streiten, ob man nun "Geld in die Hand nehmen" solle, und wenn ja: wieviel, um eine Eskalation der Schuldenkrise zu verhindern, damit "am Ende des Tages" der Schaden begrenzt werde. Oder ob nicht eben davon abzuraten sei, "schlechtem Geld noch gutes hinterherzuwerfen".
"Geld in die Hand nehmen" – "frisches Geld" – "schlechtem Geld gutes hinterher werfen" – "Am Ende des Tages" – "fällt uns das auf die Füße" - ...
Was hat es mit diesen gleichermaßen nervtötenden wie aufdringlichen Metaphern auf sich?
Hatte sich die Redaktion Sachzwang FM schon vor zweieinhalb Jahren des dümmlichen Geschwafels angenommen über "die Politik", die ihre "Hausaufgaben machen" müsse, und über Unternehmen, die "gut aufgestellt" seien, um schließlich "gestärkt aus der Krise hervorgehen" zu können, so muß hier angesichts der Euro-Krise einmal mehr ein schmaler Weg der Erkenntnis ins wuchernde Phrasendickicht und Wortgestrüpp der Sprachschablonen geschlagen werden.
Achtung: Beschallung in Stereo!!
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| Type |
Kommentar |
| Language |
deutsch |
| Subject area |
Economy/Society, Labour, Culture, Politics/Information |
| Series |
Sachzwang FM |
| Production Date |
27.10.2011 |
| Author/s |
Redaktion Sachzwang FM |
| Radio |
Querfunk, Karlsruhe 104,8 MHz
Steinstr. 23
76133 Karlsruhe
fon: 0721/387858, fax: 0721/385020
info(at)querfunk.de
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| Length |
20:54 minutes |
| Name/Size |
20111027-kommentarh-43890.mp3 / 19597 kB |
| File type |
MPEG-1 Layer 3, 128 kbit/s, Joint Stereo, (44100 kHz) |
| Date |
16.12.2011/16:19 |
| Lizenz |
Creative-Commons Nichtkommerziell, Bearbeitung erlaubt,
Weitergabe unter gleicher Lizenz erwünscht.
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| Script |
Holzschnittsprech
Der bauernschlauen Redensarten werden immer mehr. Hatte sich die Redaktion Sachzwang FM schon vor zweieinhalb Jahren des dümmlichen Geschwafels angenommen über "die Politik", die ihre "Hausaufgaben machen" müsse, und über Unternehmen, die "gut aufgestellt" seien, um schließlich "gestärkt aus der Krise hervorgehen" zu können, so muß hier angesichts der Euro-Krise einmal mehr ein schmaler Weg der Erkenntnis ins wuchernde Phrasendickicht und Wortgestrüpp der Sprachschablonen geschlagen werden. Seit Monaten vergeht kein Tag, an dem sich Experten nicht darüber streiten, ob man nun "Geld in die Hand nehmen" solle, und wenn ja: wieviel, um eine Eskalation der Schuldenkrise zu verhindern, damit "am Ende des Tages" der Schaden begrenzt werde. Oder ob nicht eben davon abzuraten sei, "schlechtem Geld noch gutes hinterherzuwerfen", wie sich v.a. jener Wirtschaftsweise mit der Schifferfräse auszudrücken beliebt. Wenn es nicht gelinge, der Lage Herr zu werden, werde sich derartiges Versäumnis grausam rächen, "das fällt uns dann auf die Füße" – ja sowas aber auch! Daß wem etwas auf die Füße fällt, passiert doch recht eigentlich nur ungeschickten Menschen, veritablen Grobmotorikern. Womit einmal mehr der populäre Aberglaube bedient wird, es laufe schon alles bestens, solange nur alle beflissen mitmachen.
"Geld in die Hand nehmen" – "frisches Geld" – "schlechtem Geld gutes hinterher werfen" – "Am Ende des Tages" – "fällt uns das auf die Füße"
Was ist diesen gleichermaßen nervtötenden wie aufdringlichen Metaphern gemein? Ein eigentümlicher Zwang zum Konkreten, den sie mit volkstümlichen Sprichwörtern teilen. Höchst abstrakte Vorgänge werden mit banalen Bildern beschrieben; alles erscheint im Nu zu bewältigen, wenn man sich nur emsig daran mache. Die diesen paternalistischen Unternehmersprech pflegen, wollen in aller Regel eine besonders profunde Erfahrenheit suggerieren und gefallen sich in der Pose des hochprofessionellen Bescheidwissers.
Weiterhin haben die einfältigen Kaufmannsphrasen, die sich so demonstrativ wie offensiv dem Alltagsverstand anbiedern, zum Zweck, die längst verselbständigten und sich unkontrolliert heißlaufenden Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie vulgär-ideologisch auf berechenbares und zielgerichtetes Handeln herunterzubrechen. Und weil man sich mit nationalsozialistischen Kategorien wie der "schaffenden Arbeit" und dem "raffenden Kapital" heute immerhin despektierliche Blicke einhandelt, muß man das ganze nun "Realwirtschaft" und "gierige Manager" nennen. Alles muß handfest und griffig erscheinen, das Unverstandene, vielleicht tatsächlich Irrationale der weltweit verschränkten Ökonomie wird nach Kräften zurechtprojiziert und -rationalisiert ohne Rücksicht auf erkenntnistheoretische Kollateralschäden; je abgeschmackter dabei die Phrasen an allen Ecken und Enden herausquellen, desto besser. Vorher ist der selbstgenügsame Biertischdenker nicht zufrieden. Er versteht zwar von Ökonomie nichts, dafür aber von Wirtschaft alles.
Was laut Schulpädagogik noch als "didaktische Reduktion" von Sachverhalten für Kinderhirne durchgehen mag, damit man häppchenweise überhaupt noch irgendetwas versteht, dient hier der verzweifelten Selbstvergewisserung von Wirtschaftskommentatoren und anderen notorischen Fachleuten.
Denn wer Holzschnittsprech redet, wird auch nicht weniger einfältig denken. Er wird Genugtuung verspüren, wenn Politiker und andere Ideologen "die Wirtschaft" in aller Öffentlichkeit zur Pflicht mahnen, gehe es dabei um Ausbildungsplätze oder Arbeitslöhne. Nicht weniger unterhaltsam, wenn Banker und Leute "aus der Wirtschaft" die Verfehlungen "der Politik" geißeln. Der Staat habe es in den letzten Jahrzehnten versäumt, einen anständigen Ordnungsrahmen z.B. für die Finanzwirtschaft, die tatsächlich so genannte Finanzindustrie, zu setzen. Implizit geben sie damit – wie abgeklärte Kinder in Elite-Internaten – zu, daß es sich bei ihnen schon qua ihrer Art um welche handelt, die man bloß nicht sich selbst überlassen darf.
Und die "Finanzindustrie"? Gehört sie nun zur "Realwirtschaft" oder nicht? Wohl eher schon, denn auch sie bietet ja ihre in gigantischen Fabrikationshallen gefertigten "Finanzprodukte" auf dem Markt an.
Seehofer: "Markt pur ist Wirtschaft pervers! Markt pur ist der pure Wahnsinn!"
Westerwelle: "Das muß man in Deutschland noch sagen dürfen."
Wer sagt, das Kapital treibe die Politik vor sich her, gilt als linker Ideologe.
Wer sagt, das internationale Finanzkapital treibe die deutsche Politik vor sich her, outet sich als rechter Ideologe.
Wer sagt, der Kapitalmarkt oder "die Märkte" treiben die Politik vor sich her, gilt als redlicher und objektiver Berichterstatter.
Doch schauen wir uns die schwachsinnigen Redensarten nochmal im Detail an:
* Was bloß hat es mit der Rede vom "frischen Geld" auf sich? Die der demokratischen Kontrolle enthobenen Geldwertstabilitätsdogmatiker der Zentralbanken werden mit "frischem Geld" sicher nicht die Erzeugnisse der Druckerpresse gemeint haben. Was aber dann?, wird man sich fragen. Bis zum Punkt, wo man erkennt, daß Quatsch einfach nur Quatsch ist und nicht mehr.
* Dasselbe gilt für "gutes Geld" und "schlechtes Geld", denn – wie jedermann weiß – stinkt Geld ja nicht. Und virtuelles schon gar nicht.
* Als nächstes wird man sich fragen, was es heißen soll, "Geld in die Hand zu nehmen". Irgendwie muß es wohl "Geld ausgeben" bedeuten, aber nicht nur ausgeben, sondern eben entschlossen ausgeben, mit Pathos ausgeben, investieren. So wie es ja auch nicht genügt, Geld für die Bildung oder andere Zwecke auszugeben, sondern in die Bildung wird investiert. Und diese Wortwahl ist durchaus ehrlich, aus den Gebildeten soll schließlich Gewinn geschlagen werden.
* Und um selbst noch so etwas schnödem wie einer Bilanzierung feierliche Weihen zu verleihen, darf man dann nicht ein schönes Wort wie "letztendlich" oder "schlußendlich" benutzen, sondern muß die Kaufmannsphrase "am Ende des Tages" bemüht werden. Wann das angebliche Ende des Tages, der jüngste Tag der fiskalischen Abrechnung, sein soll, weiß aber auch niemand zu sagen. Nur daß ganz autoritär "ein Ruck durch Europa gehen" müsse, frei nach Roman Herzog, ist wohl die Message.
Ein bestimmbares Kalenderdatum hat das fiskalische jüngste Gericht also kaum, es läßt sich eher nur erahnen, wenn "das Vertrauen der Märkte" – also die Laune des automatischen Subjekts – schwindet und nach allgemeiner Lesart in die Krise mündet. Dann schlägt die Stunde der bürgerlichen Schadensbegrenzungspolitik, die Stunde der Technokraten.
Denn die Verklemmung des gegenwärtigen Zustands haben sie mit bemerkenswerter Klarsicht erkannt und wälzen sie seither wöchentlich in den immergleichen politischen Talkshows und Feuilletons, wälzen sie auf und ab, wälzen sie hin und her. Weil aber das Dilemma so durchaus höchst real ist, sind die schalen Rezepte der Bescheidwisser und Schadensbegrenzer eine einzige Farce:
Man kann den am fiskalischen Abgrund stehenden Staaten nicht "helfen", ohne zentrale Dogmen der Marktwirtschaft zur Disposition zu stellen. Hängt man dieser Ideologie an, so verbietet es sich von selbst, den gemachten Verlierern der Konkurrenz zu "helfen", sind sie doch in dieser Lesart der Krise "selbst schuld" daran, was ihnen widerfährt. Die Maschine der Selbstverantwortung duldet keinen Eingriff ins Prozessieren ihrer marktförmigen Gerechtigkeit, trotzdem müsse ja irgendetwas getan werden – und sei es nur symbolisch, um trotzig politische Souveränität zu demonstrieren. Um aber den bereits Stigmatisierten, "den Griechen", nicht einen Blankoscheck für ihre Verfehlungen auszustellen – das Beispiel würde Schule machen –, darf die "Hilfe" nur wohldosiert verabreicht werden – und mit rigorosen Auflagen versüßt. Geschenkt bekommt man, wie auch bisher, nichts. Nun wäre das Dilemma keines, wenn solche Maßnahmen funktionieren würden. Können sie aber nicht. Wie sogar öffentlich zugegeben wird, kann eine Volkswirtschaft, wenn sie dermaßen kujoniert und geknebelt wird wie vorgesehen, natürlich nicht prosperieren. Um zu erreichen, was man zu beabsichtigen vorgibt, nämlich die hochmoralische "Hilfe", die dem Schwelen der Krise ein Ende bereiten würde, müßte man eben jenes Exempel des guten Willens statuieren, das dem Dogma der Selbstverantwortung Hohn spräche und Nachlässige zum Nachahmen einlüde. Dementsprechend geifernd und profielierungssüchtig wittern ja auch Populisten aller Couleur, das Dilemma nicht wahrhaben wollend, ihre einmalige Chance, sich mit dem Appell ans Ressentiment, mit kleingeistigem Insistieren auf sozialdarwinistischen Prinzipien einen Platz im Herzen des gebeutelten kleinen Mannes zu erobern. Durch solch bornierte Narretei wurden selbst Liberale zu Populisten, Freiheitliche eben. Erstaunlich, daß ihre Rechnung so gar nicht aufging, weder in Berlin noch in Bratislava. Sollte die Mehrheitsbevölkerung etwa eingesehen haben, daß es so nicht mehr weitergeht und eine Schadensabwehr tatsächlich unausweichlich ist? "Alternativlos" ist alles sowieso immer nur im immanent beschränkten Kontext der bürgerlichen Ideologie und ihrer Ökonomie.
Im ökonomischen Ausnahmezustand, der universellen Krise, fällt die humanistisch-moralische Maske der bürgerlichen Ideologie und es zeigt sich mit ungewöhnlicher Offenheit, ziemlich drastisch sogar, worum es bei Ökonomie als der Leitwissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich schon immer ging. Exorbitanter Wohlstand des einen hindert den anderen nicht am Verhungern. Bitterste Armut des einen hindert den anderen nicht am Erfolg. Konkurrenz nennt sich dieses vermeintliche Spiel. Und Eigentum verpflichtet.
Pikanterweise steckt die politische Sphäre in noch einem weiteren Dilemma, quasi einem Meta-Dilemma. Denn nicht nur kann sie sich partout nicht entscheiden, welche der allesamt verheerenden Handlungsoptionen nun zu präferieren sei, sondern dies geschieht auch noch unter einem immensen Zeitdruck. Reagiere man nicht schnell, so, heißt es, verschlimmere sich nur zusehends das Schuldendebakel, griffen "die Märkte" fortwährend "die Volkswirtschaften" an. Würde man aber zügig handeln, also "helfen", so müßten die nachlässigen Schuldner, diese Schurken, ja gar nicht richtig zappeln und flehen, sondern könnten sich kommod auf die herbeieilende Hilfe verlassen. Das haben sie doch gar nicht verdient! Wo kommen wir denn da hin? Einmal mehr wird klar, daß der einzige Grund für das Hinhalten v.a. seitens der deutschen Politik darin besteht, "die Griechen" ganz offensichtlich zu entmündigten Bittstellern zu machen; eigentlich will man sie leiden und möglichst lange zappeln sehen.
Keiner in all den Rederunden, der nicht versichert, auch ihm gehe es ja darum "zu helfen", doch dürfe sich da ja niemand drauf verlassen können, und überhaupt: wenn, dann nur "Hilfe zur Selbsthilfe", so die bis zum Erbrechen geleierte Nullphrase. Wenn in Afrika Millionen verhungern, so ist nicht etwa Hilfe das erste Gebot, sondern "Hilfe zur Selbsthilfe", denn eigentlich sollen sie doch selbst sehen, wo sie bleiben. "Hilfe zur Selbsthilfe", das ist ungefähr so menschenfreundlich wie "fördern und fordern", ungefähr so verbindlich wie "Chancengleichheit". Gleichheit, "Gleichmacherei" gar, will man ja nicht, aber "Chancengleichheit", die gehört zum guten Ton. Gewinner und Verlierer muß es schon auch weiterhin geben, nur will man hinterher sagen können, es habe doch "Chancengleichheit" geherrscht.
Wenn in der Hauptschule versagt oder in der Hungerzone gelitten wird, so ist das nur dann schlimm, wenn keine "Chancengleichheit" geherrscht habe. Wenn also endlich die Chancengleichheit höchstselbst Gewinner und Gescheiterte produziert, dann ist das gut und gerecht, denn jeder ist dann selbst schuld. "Hilfe zur Selbsthilfe" arbeitet auf diesen Zustand hin.
Und so kommt es, daß auch auf diesem Gebiet der Holzschnittsprech seine einfältigen Blüten treibt. Ein Westerwelle bspw. ist Meister in diesem Fach. Anstatt zu sagen: "Wer arbeitet, muß mehr haben als, wer nicht arbeitet", wird diese schon opportunistisch auf Zustimmung heischende Parole noch weiter auf kindische Personalisierung heruntergebrochen: "Wer arbeitet, muß mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet." Ahh, da haben wir ihn endlich, denjenigen, "der nicht arbeitet"!
Daß ausgemachte Missetäter "über ihre Verhältnisse gelebt" haben sollen und dementsprechend "den Gürtel enger zu schnallen" hätten, ist dabei nicht mal etwas neues. An derlei Propaganda hat man sich seit der geistig-moralischen Wende unter Dr. Kohl, also fast 30 Jahre lang schon, gewöhnt.
Dieser ebenso schwachsinnige wie verharmlosende Jargon, eigentlich nur noch Geschwätz im Wortsinne, verhält sich zur Ernsthaftigkeit der Situation wie das heimelige Musikantenstadl zur atonalen Musik, die die Lage weit präziser zu fassen bekommt. Der Holzschnittsprech dient letztendlich der Gewöhnung an den Pogromsprech.
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Kommentare
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| 28.10.2011/15:16 |
redaktion_A, Radio Helsinki, Graz |
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wird am 31.10.2011 um 7:30 uhr gesendet
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| merci! |
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| 03.11.2011/09:55 |
alex, Radio Corax, Halle |
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