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KOMMENTAR zu Günter Grass

        
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Brief description ... Bereits 2003 ergab eine repräsentative Umfrage, daß 59% der Europäer ausgerechnet im kleinen Israel eine „Bedrohung für den Weltfrieden“ sehen. In Deutschland waren es sogar 65% der Menschen. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu komisch, daß sich nun Günter Grass wie 1998 sein kongenialer Dichterkollege Martin Walser als einer aufspielt, der eine besonders kritische, ja mutige Minderheitenmeinung vertrete – und vor allem auch ausspricht.

- „Wer darf in Deutschland was denken, und wer darf in Deutschland was sagen?“ (Möllemann 2002)

- „Das muß man in Deutschland noch sagen dürfen“ (Westerwelle 2010)

- „Was gesagt werden muß“ (Grass 2012)

DAUER: 8 Minuten

_
Type Kommentar
Language deutsch
Subject area Politics/Information, Culture
Series Sachzwang FM
Production Date 11.04.2012
Author/s Redaktion Sachzwang FM
Radio Querfunk, Karlsruhe 104,8 MHz
Steinstr. 23
76133 Karlsruhe
fon: 0721/387858, fax: 0721/385020
info(at)querfunk.de
Length 7:53 minutes
Name/Size 20120411-kommentarzu-47591.mp3 / 4623 kB
File type MPEG-1 Layer 3, 80 kbit/s, Mono, (44100 kHz)
Date 11.04.2012/17:53
Lizenz
Creative-Commons
Nichtkommerziell, Bearbeitung erlaubt, Weitergabe unter gleicher Lizenz erwünscht.
Creative-Commons Lizenzvertrag
Script .

Deutschunterricht

Jetzt ist es also mal wieder passiert. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks produzieren sich sogenannte Intellektuelle, die doch eigentlich nur Literaten sind, als große Dissidenten. Sie sprechen aus, was ohnehin das Gros der noch nie durch besonders kritischen Geist aufgefallenen Mehrheitsgesellschaft denkt. Oder vielmehr: meint. Bereits 2003 ergab eine repräsentative Umfrage, daß 59% der Europäer ausgerechnet im kleinen Israel eine „Bedrohung für den Weltfrieden“ sehen. In Deutschland, wo man offenbar den Juden Auschwitz immer noch nicht verzeihen kann, waren es sogar 65% der Menschen. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu komisch, daß sich nun Günter Grass wie 1998 sein kongenialer Dichterkollege Martin Walser als einer aufspielt, der eine besonders kritische, ja mutige Minderheitenmeinung vertrete – und vor allem auch ausspricht. Meinte jener damals in allzu deutsch-pathetischer Weise, daß er „vor Kühnheit zittere, wenn ich sage: Auschwitz eignet sich nicht“ als „Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“, so wirft sich jetzt auch Grass – vermutlich vor Kühnheit zitternd – in die Pose dessen, der „jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte“ auszusprechen wagt, „was gesagt werden muss.“ „[I]ch schweige nicht mehr“, jetzt „sage ich, was gesagt werden muss.“ Derart ein wandelndes Abziehbild, wie er telegen und mit nachdenklichem Gestus selbstgenügsam an der Pfeife schmaucht: Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
Man sollte genau analysieren, was die Volkstribune meinen, wenn sie wie am Stammtisch poltern: „Wer darf in Deutschland was denken, und wer darf in Deutschland was sagen?“ (Möllemann), „Das muß man in Deutschland noch sagen dürfen“ (Westerwelle), oder jetzt: „Was gesagt werden muß“ (Grass). Das angebliche Nicht-Dürfen besteht doch allein in der selbstverständlichen Zumutung, für das, was man da von sich gibt, ernst genommen zu werden, das heißt, sich ggf. Kritik gefallen zu lassen. Eine dialektische Übung, die freilich intellektuelle Redlichkeit voraussetzen würde. Aber wer die nicht hat, hat mit höchster Wahrscheinlichkeit immerhin eine Mehrheit des „Volkes“ hinter sich und unterscheidet besonders gerne zwischen öffentlicher und „veröffentlichter Meinung“. Was der Heros der Dichter jetzt eine „gleichgeschaltete Presse“ nennt, haben echte Deutsche schon vor dem Zweiten Weltkrieg als „die Judenpresse“ verschmäht. Wir haben verstanden.
Und schon sieht man die Gestalten aus dem „Free-Gaza“-Milieu, die dem dichtenden vermeintlichen Tabubrecher derart dankbar für sein Osterei sind, daß sie mit riesigen „Grass-hat-Recht“-Transparenten die Ostermärsche bevölkern.
Eigentlich kein Wunder, daß es ausgerechnet Literaten, ja Dichter sind, die den vermeintlichen Dissens suchen, der doch bloß ein opportunistischer Konsens innerhalb der Mehrheitsbevölkerung ist. In Ungarn dürfte dieser Prozeß noch weiter fortgeschritten sein, da definieren die Volksempfinder bereits wieder die Staatsdoktrin. Bemerkenswert, daß als mutig und streitbar immer nur die Walsers, Sarrazine und Grasse gelten, nicht die Broders und Klarsfelds.
Die perfideste und gleichzeitig abstruseste Passage im „Gedicht“ ist zweifellos die, in der Grass vor einem Präventivschlag der israelischen Luftstreitkräfte warnt, „der das [...] iranische Volk auslöschen könnte“. Eine grotesk halluzinatorische Verdrehung der Faktenlage: was den Juden in Europa widerfahren ist, was den Israelis seit Generationen angedroht wird: ihre Vernichtung projiziert der deutsche Dichter hier auf sie als Täter. Dabei geht es doch einzig darum, den Bau einer iranischen Atombombe zu vereiteln.
Daß die in vermeintlich lyrische Form gegossene „Israelkritik“ als Gedicht auftreten muß, soll sie der kritischen Auseinandersetzung entziehen. Sodaß mal wieder, wie schon 1998 bei Walser, stichhaltige Kritik mutwillig mit Zensur verwechselt wird, wie um den reaktionären Impuls auch wirklich offensichtlich werden zu lassen. Je treffsicherer und schärfer die Kritik, desto verzweifelter deren Verunglimpfung als Zensur. Wer so argumentiert, hat damit alles über seine Wertschätzung einer kritischen Öffentlichkeit gesagt. Immerhin irgendwie konsequent, wenn man so schlecht verhüllt mit den totalitären Antiaufklärern der islamistischen Regimes sympathisiert und sie als „Maulhelden“ verharmlost.
In ästhetischer Hinsicht spottet das „Gedicht“ des Nobelpreisträgers jeder Beschreibung. Daß es keine erkennbaren Verse und Reime hat, soll es wohl als moderne Lyrik ausweisen. Doch auch solche müßte ja mit irgendwelchen Spannungsbögen, sprachlichen Finessen oder sonstigen stilistischen Gimmicks aufwarten, die besondere Aufmerksamkeit erheischen und zum Reflektieren einladen. Aber auch hier: Fehlanzeige. Der mäßig originelle Text ist lieblos so dahingeschrieben, bevor man per Zufallsgenerator alle drei bis fünf Wörter einen Zeilenumbruch eingefügt hat; ein Spiel, das man mit jedem noch so schnöden Text treiben und diesen dann als Gedicht verkaufen könnte.
Aber das kümmert diejenigen nicht, die sowieso der Überzeugung sind, große Literatur habe ihren Inhalt in Befindlichkeiten und nicht in der subjektiven Bearbeitung objektiver Sachlagen. Machwerke wie Walsers Paulskirchen-Paukenschlag und Grass' nach außen drängender Innerlichkeitskult des wohlmeinenden Haderns eignen sich bestens zur Bearbeitung im Deutschunterricht, wo sie sicher in wenigen Jahren schon als interessante Themen vorgegeben werden. Dann können sich endlich Millionen von Schülerinnen und Schülern durch Einfühlen in die Gehirne der moralistischen Krypto-Antisemiten ihr Fortkommen in der Schule sichern. Einziges Lernziel des getrimmten Konformismus dürfte wie jeher sein, daß zu den objektiv gefährlichen, an Volksverhetzung grenzenden Einlassungen der Dichter „jeder seine eigene Meinung“ haben kann und vor allem soll. Daß der eine Mitglied der NSDAP, der andere Angehöriger der Waffen-SS war, ist dann nicht so wichtig, denn „Nazis“ waren ja nur Hitler, Himmler, Göring und vor allem dieser Göbbels.
Was vor 100 oder vor 50 Jahren noch mit dem Wort Volkszorn in seiner tumben Raserei einigermaßen gut getroffen war, praktizieren heute sich aufgeklärt dünkende Aktivdemokraten und Wutbürger, die sog. Diskussionsforen im Internet volltexten. Einer meint z.B.: „Es hat auch etwas Gutes: je häufiger noch diese Totschlagkeule gezückt wird, desto mehr nützt sie sich ab. Also laß sie nur mal machen ...“ Leider stimmt das objektiv. Denn hatte der NS-Vergleich immer etwas, das zum Innehalten und Prüfen der Argumente zwingt, etwas Ungeheuerliches, so hat sich – v.a. im postpolitischen Milieu der Piraten unserer Informationsgesellschaft und anderer abgeklärter Bescheidwisser – längst der Denkreflex verfestigt, daß ein jeglicher „Nazivergleich“ bloß polemischer Unfug, geradezu billig sei und zu unterbleiben habe. Die Ächtung der nationalsozialistischen Ideologie ist so auf höchst ungute Weise in eine Ächtung der Kritik an ihr umgeschlagen.

Kommentare
11.04.2012/22:15 alex, Radio Corax, Halle
Acht Mi­nu­ten gegen Gün­ter Grass. .
danke
 
12.04.2012/11:09 hikE, Radio Unerhört Marburg (RUM)
vorgesehen für Frühschicht 16.4.2012
Danke für die Klarstellung, was der Unterschied zwischen Kritik und dem um sich greifenden intellellen Totschlagargumentier-Reflex des "Muss man doch mal sagen dürfen"s ist.
 
17.04.2012/14:20 hikE, Radio Unerhört Marburg (RUM)
gesendet in Frühschicht 16.4.2012
Danke für die Klarstellung, was der Unterschied zwischen Kritik und dem um sich greifenden intellellen Totschlagargumentier-Reflex des "Muss man doch mal sagen dürfen"s ist.
 
17.04.2012/19:08 Tobias, Radio Z, Nürnberg
wurde gesendet
im Stoffwechsel am 16.4. - vielen Dank!
 

 
                
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