Lithiumförderung in Bolivien: „Moderater Extraktivismus“ und "umweltschonende Ausbeutung" - Geht das überhaupt?

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Vivian Lagrava ist Rechtsanwältin und Umweltaktivistin beim Menschenrechtskollektiv Empodérate (ermächtige Dich) in Potosí, Bolivien.
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14:08 min, 16 MB, mp3
mp3, 155 kbit/s, Stereo (44100 kHz)
Upload vom 11.01.2022 / 12:18
Klassifizierung

Beitragsart: Interview
Sprache: deutsch
Redaktionsbereich:
Entstehung

AutorInnen: die meike
Radio: RDL, Freiburg im www
Produktionsdatum: 11.01.2022
CC BY-NC-SA
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
Skript
Frage: welche Erfahrungen habt Ihr mit ausländischen Konzernen in Bolivien gemacht?

Vivian: Im Grunde wurden die transnationalen Konzern alle rausgeworfen (des Landes verwiesen). In Potosí haben wir eine Tradition der Verteidigung der natürlichen Ressourcen, die das ganze Land erfasst hat. Denn Potosí ist das Departamento, das seine natürlichen Ressourcen am heftigsten verteidigt, weil es ein Departamento ist, das reich an Bergbau, aber auch reich an Biodiversität ist.

Vivian: Jedes Mal, wenn ein transnationales Unternehmen versucht, sich in Bolivien niederzulassen und sich größere Vorteile zu verschaffen - zum Beispiel bei der Ausbeutung oder in anderen Bereichen etwa der Erkundung des Geländes - dann mobilisiert sich vor allem die lokale Bevölkerung hier in Potosí. Sie verlangt Einsicht in die Verträge, sie verlangt Einsicht in die Bedingungen. Die Verfassung selbst setzt jetzt voraus, dass die Bevölkerung die meisten Anteile und damit die größte Beteiligung an jedem Prozess hat. Was Litihum angeht, besagt die bolivianische Strategie, dass der Staat zu mindestens 51% beteiligt sein muß. Die Bevölkerung muß also davon profitieren.

vivian: Bisher haben wir es nicht erlaubt, daß transnationale Konzerne unsere Ressourcen ausbeuten. Aber ja - wir hatten andere Unternehmen, die eine Anlage gebaut haben, zum Beispiel wurde die Lithiumanlage von einem chinesischen Unternehmen errichtet. Und dieses chinesische Unternehmen wurde von den Gemeinden infrage gestellt, denn die lokalen Bevölkerung kämpft für gute Arbeitsbedingungen. Aber die lokalen Bäuerinnen und Bauern haben keine akademische Ausbildung und diese Art von Unternehmen, zum Beispiel dieses, das die Anlage gebaut hat, hat nur sehr kleine Kontingente und nur sehr kurze Arbeitszeiten für Menschen ohne akademische Ausbildung. Daher haben sie nur sehr begrenzte Möglichkeiten, Menschen aus der lokalen Bevölkerung zum arbeiten unterzubringen. Also Leute aus den Gemeinden und den Dörfern. Diese Unternehmen, die gekommen sind, um zu bauen, bringen sogar Leute aus anderen Departamentos mit, von denen man annimmt, dass sie qualifiziertere Arbeitskräfte sind. Diese brauchen sie für den Bau und fürs Bauingenieurwesen. Schlimmer ist es noch beim Betrieb der Anlagen. Es gibt sogar offene Stellen ohne Einkommen für Indigene. In Bolivien geht es uns in erster Linie darum, dass die Verfassung eingehalten wird. Wir haben eine weitgehend protektionistische Verfassung. Deshalb sind wir daran interessiert, dass die Arbeitsnormen zum Schutz der Arbeitnehmer*innen eingehalten und respektiert werden. Wir sind daran interessiert, dass die Umwelt geschützt wird, das Wasser geschützt wird, denn Wasser ist für uns ein Menschenrecht.

Vivian: Der Salar de Uyuni ist ein Ökosystem. Dort gibt es sogar Organismen, die für die Nanotechnologie verwendet werden können, das sagen zumindest die Biolog*innen. Außerdem sind im Salar de Uyuni und in anderen Salztonebenen Spezies vom Aussterben bedroht.

Vivian: Sollte es eine Überbeanspruchung von Lithium geben - also wenn zuviel Lake oder das Salz selbst zu sehr abgebaut wird, dann leidet das Ökosystem. Es gab vor einer Weile ein Wassergutachten eines Wissenschaftlers, Molina hieß er wenn ich mich recht entsinne, von der Univerität in Oruro. Und wir haben nochmals geprüft, was die bolivianische Regierung und das Unternehmen zum Thema Umweltverträglichkeit getan haben. Sie haben sich nur auf diesen ein wenig veralteten Bericht gestützt, um zu sehen, ob genug Regen fällt, um den Wasserverlust auszugleichen und solche Dinge. Damit waren wir nicht einverstanden. Also haben wir selbst kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben - wir als Menschenrechtskollektiv empodérate (ermächtige dich! Anm. der Übersetzerin) als cedib (centro de documentacion investigacion de bolivia - bolivianisches Forschungsdokumentationszentrum) haben es geschafft, die finanziellen Mittel für diese Studie zusammenzubekommen. Wir haben eine Studie über den Zugang zu Wasser gemacht, ein hydrologisches Gutachten über den Wasserstand, um zu sehen, wie er vorher war, wie er jetzt ist und wie er danach sein wird – falls man mit diesem irrationalen Abbau weitermacht. Wir zeigen, was die Produktion für Landwirtschaft und Viehzucht bedeutet. Wir zeigen in dieser Studie, dass die indigene Bevölkerung nicht gefragt wurde undsoweiter undsofort. Wir werden sie bald veröffentlichen, daher kann ich ohne Erlaubnis nicht weiter ins Detail gehen. Aber was ich dir sagen kann ist, dass die Sorge von Seiten des Kollektivs Empodérate, von CEDIB, von ObSal immer dem Wasser gelten wird und dem Salar als Ökosystem mit all seinen Spezies, die darin und darum herum leben. Und unsere Sorge gilt auch dem Leben der Gemeinden, die darum herum leben. Das sind die, die derzeit Widerstand leisten und das sind die Menschen, die die direkten Leidtragenden sind. Wir wollen nicht, dass es einfach durchgewunken wird. So, wie es in der Vergangenheit in Atacama der Fall war. Dort wurden Gemeinden regelrecht geopfert, muß man sagen, damit transnationale Konzerne Profite einfahren können.
Es handelt sich hier nicht um die gleiche Regelung wie in Chile. Chile hat im wahrsten Sinne seine Ressourcen ausverkauft. Bolivien will nicht die gleichen Erfahrungen machen, deshalb ist die Bevölkerung im Widerstand, und das bereits seit den 1980ern bis heute. Und wir werden weiter Widerstand leisten solange es nötig sein sollte.

Frage: wäre es also besser, das Lithium im Salar de Uyuni zu belassen?

Viviana: Also… hm. Es gibt da verschiedene Meinungen in diesem Punkt. Selbst die Umweltaktivist*innen sind da geteilter Meinung. Das Wasser muß geschützt werden, aber vielleicht ist es auch möglich, - und das scheint hier vielleicht eine Option zu sein – Ressourcen rational auszubeuten. der Akadmiker und Professor Eduardo Gudynas [gudi’nas] spricht von einem „moderaten Extraktivismus“, der die Umwelt schont, von einer „rationale Ausbeutung“. Also er folgt der Strömung der nachhaltigen Entwicklung. Aber dieses Konzept wurde nie in ihrer ganzen Dimension umgesetzt, es blieb theoretisch und war in der Praxis nie ganz nachhaltig. Das heißt, die Entwicklungsvorschläge waren am Ende sowieso nicht nachhaltig. Nehmen wir z.b. Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte: Im Fall von Bananen und anderem Obst hat sich nicht die ganze Wertschöpfungskette bis zum Export entwickelt und blieb so unvollendet. Deshalb hatten die Produzent*innnen nie die Gelegenheit, die Industrialisierung bis zum Ende der Wertschöpfungskette mitzumachen, und ihre Erzeugnisse selbst zu vermarkten. Nachhaltige Entwicklung war im Bereich der Landwirtschaft ohnehin noch nie ernsthaft ein Thema. wir bestehen weiterhin auf dem Modell der nachhaltigen Entwicklung! Und wir machen weiter. Wir haben jetzt erkannt, dass es vielleicht nicht umgesetzt wurde, dass es aber noch umgesetzt werden kann.
Es gibt auch die andere Position bei den Umweltaktivist*innen – viel radikaler, die besagt: Besser nichts ausbeuten, denn so machen wir alles kaputt! Für uns ist das Wasser das wichtigste. Es gibt Widerstand in Argentinien und wir sehen, wie die Gletscher schmelzen, denn das Bergbauunternehmen hat bereits den Gipfel des Gebirges betreten. In diesem Fall sind es die Geschäftsleute, die hier das Land verwüsten und davopn profitieren. Wir sollten vielleicht nicht die Umstände und die politischen Akteur*innen vergleichen. Denn Alle Menschen, die Widerstand leisten, sind anders, denn auch die Erfahrungen mit den transnationalen Unternehmen sind unterschiedlich. Auch die Mineralien, die sie abbauen, sind unterschiedlich. Ja - und ich würde sagen, dass Bolivien und Potosí, in diesem Sinne fast einzigartig ist im Vergleich mit anderen widerständigen Bevölkerungen. Es gibt auch parallele Prozesse. Zum Beispiel der Wiederaufbau von Territorien, die Wiederherstellung unserer Identität. Vom Aufbau der Nationalität, dem patriotischen Gefühl, unser Land zu beschützen. Das sind also Prozesse, die es in anderen Staaten nicht gibt. Jetzt gibt es zum Beispiel Austausch zwischen indigenen Gemeinschaften, zwischen indigenen Führer*innen, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. So wurden beispielsweise die Menschen in Atacama, die Gemeinschaft der Chuquicamata von einem Ort an einen anderen umgesiedelt, um einem einzigen Unternehmen zu dienen, das die Ressourcen aufgezehrt hat. Das ist der Fall Chiles. In Bolivien sollte dies auch in San Cristóbal passieren. Denn auch dort haben sie auch ein ganzes Dorf umgesiedelt, um Ressourcen auszubeuten.

Frage: In diesem Zusammenhang wird in akademischen Kontexten auch von „Öko-Kolonialismus“ gesprochen – der globale Süden muß den Schaden einer nachhaligen Lebensweise des globalen Nordens ausbaden. Siehst du das auch so?

Vivian: in deutschland sehe ich diesen trend. es geht da um die Förderung der so genannten grünen Wirtschaft. Die Energiewende wird befeuert; jetzt kommt das Lithium; und alle schreien: wir werden die Umweltverschmutzung einstellen! Wir haben schon viel zu viel Treibhausgase, CO² und den Klimawandel! Das ist schonmal ein Erfolg. Da die Industrieländer das Ozonloch verursacht haben, müssen wir Antworten geben, um die Energiewende voran zu treiben. Und zusätzlich die Verbrennung dieser Brennstoffe einzustellen, die bereits so viel Schaden angerichtet haben. Es scheint also eine sehr nachhaltige Frage zu sein, und natürlich würde jeder und jede sagen: Nun, dann werden wir die Energiewende durchziehn! Wir werden mit der Produktion von Elektroautos beginnen. Wie gut, dass es das Lithium und Batterien gibt! Das ist eine Position. Aber diese Position berücksichtigt weder die Territorien, noch die Rechte der indigenen Bevölkerung, noch das Wasser oder die Umwelt. Sie sagen nur, dass es weniger verheerend sein wird. Die Energiewende und der Nutzen für die Umwelt. Aber sie sagen nicht, dass diese Tätigkeit auch umweltschädlich ist. Natürlich handelt es sich dabei nicht um dieselbe Dimension wie bei der Ausbeutung des Bergbaus, über die wir im Fall von Chuquicamata als Beispiel gesprochen haben.

Frage: was ist deine Utopie, deine Vision für Klimagerechtigkeit?

Vivian: Wir müssen die Ethik der Dinge ändern! Wir müssen uns als menschliche Gemeinschaft sehen! Denn jenseits der persönlichen individuellen Interessen ist die Gemeinschaft. Das kann Europa sein, das kann ein Verbund von Staatsregierungen sein, der z.b. darüber nachdenkt, seine Unternehmen zu regulieren. meinetwegen ein deutsches Unternehmen, das bei der Vergabe von Verträgen, in den Verhandlungsprozessen selbst, sein soziale Verantwortung wahrnehmen möchte. Zum Vorteil von Kollektiven handelt, nicht des Einzelnen. Denn was die Unternehmen tun, ist, den Willen der Menschen zu beschneiden, sie zu korrumpieren, ihnen Bestechungsgelder zu geben, ihnen den Mund zu verbieten, und ihnen dann ihren Willen aufzwingen. aber nein! Ethisch handeln heißt etwas ganz anderes: Eine Ethik sieht das Kollektiv, die Interessen des Kollektivs, der Bevölkerung. Ich will keine weiteren Gemeinden opfern! Ich will keine communities, die sich für das Wohl aller aufopfern – denn es geht hier nicht um das Wohl für alle, Es geht um das Wohl einiger weniger Familien, denen die Unternehmen gehören, der Herrschenden. Das Wohl aller ist das Wohl des gesamten bolivianischen Kollektivs. Neben der Ethik, die sich auf die Werte der Menschen bezieht, muss es auch eine Perspektive geben, die sich auch auf die Rechte des Bodens konzentriert. Wir haben als Bolivianer*innen die Rechte der Mutter Erde anerkannt, Kolumbien hat ebenfalls die Rechte der Mutter Erde anerkannt, ebenso wie Ecuador und Peru, und wir haben anerkannt, dass z. B. Flüsse auch Subjekte sind. Dies ist der Fall des Atrato-Flusses in Kolumbien. In Südamerika gibt es also einen Trend zum rechtlichen Schutz der natürlichen Ressourcen und auch zur Justiziabilität, die vor Gericht Bestand hat. Wir wollen auch die Umweltgerechtigkeit fördern und beginnen, von den Regierungen den strikten Schutz natürlicher Ressourcen wie Wasser zu fordern. Denn es ist unser Leben, das wir verteidigen. Das Leben des Bodens und das Leben der Menschen. Ich glaube, dass diese Art von Gesellschaft möglich ist. Wir demonstrieren es als bolivianischer Staat. Und wir demonstrieren es als Südamerika. Chile hat genug vom Extraktivismus, es hat genug von den Missbräuchen und es hat einen Präsidenten gewählt, der einen Diskurs über Umweltschutz führt. Hoffen wir, dass er die Erwartungen erfüllt!