Strategien für die Flucht: Frauen- und Kinderschutzhäuser für Indigene Frauen in Kanada
ID 120611
RDL im Gespräch mit Jules Koostachin, Filmemacherin, Regisseurin, Schauspielerin und Produzentin: Sie drehte 2022 ihren Spielfilm Broken Angel über eine Indigene Frau, welche die Mißhandlungen durch ihren weißen Partner nicht länger hinnehmen möchte. Jules bezeichnet sich selbst als Überlebende und hat selbst lange ein Frauenschutzhaus geleitet. Sie war zu Gast beim Nordamerika Filmfestival in Stuttgart Anfang Februar.
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
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Skript
Meike: In deinem Film Broken Angel hast du viele Themen angesprochen, unter anderem die übermäßige Inhaftierung von Indigenen – überwiegend sind das Männer, nach meiner Information. Ich habe vor einigen Jahren einige Recherchearbeit zu restorativer und transformative Gerechtigkeit gemacht und festgestellt, dass dies präkoloniale Systeme sind. Du bist ja Dokumentarfilmerin – hattest Du in Deiner Arbeit oder auch im persönlich Umfeld – Kontakt mit diesem Thema? Denn spätestens seit die Black-Lives-Matter-Bewegung im Jahr 2020 so stark gewachsen ist, ist es allgemein bekannt, dass schwarze, indigene und lateinamerikanische Communities die Cops nicht anrufen können....
Jules: Ja, das ist schon eine Weile her, also bin ich nicht mehr up-to-date, was das betrifft. Ich bin vor zehn Jahren aus dem Bereich der Sozialarbeit ausgestiegen. Ich habe bei Elisabeth Fry, und in einem Frauenhaus, gearbeitet. Ich habe also mit Frauen gearbeitet, die vor häuslicher Gewalt fliehen, und mit Frauen, die vor Gewalt auf der Straße fliehen. Und dann habe ich bei Elisabeth Fry auch mit inhaftierten Frauen gearbeitet oder mit Frauen, denen eine Inhaftierung droht. Ich weiß also wirklich nicht, wie die Zahlen heute aussehen. Ich weiß nur, dass wir im Gefängnissystem überrepräsentiert sind und zwar alle Geschlechter. Und ich weiß, dass das mit Racial Profiling und strukturellem Rassismus zu tun hat. Es gibt viele Gründe, warum das passiert und es ist sicher nicht die Schuld der First Nations. Ich weiß nicht, ob die Dinge besser geworden sind, wenn die Leute mehr Zugang zu Bildung haben. Ich habe diesen Bereich vor zehn Jahren verlassen, um mich auf meine Kunst zu konzentrieren. Aber es war auf jeden Fall eine wichtige Arbeit.
Meike: Du hast erwähnt, dass du in einem Frauenhaus gearbeitet hast und dass du selbst eine Überlebende bist. Ich nehme also an, dass das, was wir in Deinem Spielfilm Broken Angel sehen, ziemlich authentisch ist. Möchtest du ein paar deiner Erfahrungen teilen?
Jules: Also ich habe sehr lange ein Frauenhaus geleitet. Das bedeutet, dass ich Zugang zu einer Welt hatte, zu der viele Menschen keinen Zugang haben, es sei denn, sie sind Teil des Systems oder brauchen Hilfe oder Unterstützung. Es war also wirklich eine Herausforderung, eine schwierige Zeit. Ich habe das Gefühl, dass ich mich als Indigene Frau, die ich in meinem Leben viele Hürden und viel Gewalt erlebt habe, mit der Hauptfigur identifizieren konnte. Ich wusste, was die Einzelne tun muss, um sich aus solchen Situationen zu befreien. Deshalb sehen wir am Ende des ersten Aktes von "Broken Angel", wie strategisch sie bei ihrer Flucht vorgeht: Sie hat Taschen mit Lebensmitteln, ihre Nachbarin wartet im Auto auf sie, sie hat Geld unter ihrer Matratze versteckt und ihren Ausweis. Das sind Dinge, die wir mit unseren Klientinnen in der Unterkunft gemacht haben: einen Notfallplan erstellen für den Fall, dass sie zurückkehren oder bei einem anderen Täter oder Töter landen. Wir wollten also sicherstellen, dass unsere Klientinnen eine Handlungsoption haben und daß sie wissen, dass sie einen Ort haben, an den sie zurückkehren können, wenn sie uns brauchen. Es gab Zeiten, in denen wir ihre Ausweise für sie aufbewahrt haben, weil ihnen manchmal die Ausweise von der übergriffigen Person weggenommen wurden. Es gibt ja leider eine Menge Dinge, die passieren können.
Also ja, ich habe das Gefühl, dass ich diese Sensibilität und dieses Verständnis in die Geschichte eingebracht habe, das jemand anderes vielleicht nicht hätte, weil er oder sie diese Erfahrung nicht gemacht hat.
Meike: Ich habe ein Buch über Femizide in Deutschland gelesen. Es gibt Strategien gegen Femizide, aber da ist es wie überall: es hat keine Priorität in der Politik, es gibt zu wenig finanzielle Unterstützung und vielen ist dies als gravierendes Problem nicht einmal bewußt. Eine Wissenschaftlerin, die zu diesem Thema forscht, sagte mal zitat "Es sind ja nur Frauen". Welche Strategien gibt es sonst noch?
Jules: Als ich in den frühen 2000er Jahren das Frauenhaus leitete, haben wir viel mit einer queeren Organisation zusammengearbeitet, die zu uns kam und Workshops mit meinen Mitarbeiterinnen durchführte. Ich habe darauf hingearbeitet, dass unser Angebot inklusiver wird, dass wir niemanden abweisen. Wir hatten eine LGBTQ+-Politik, die wir in den frühen 2000er Jahren eingeführt haben. Wir haben also im Vorstand eine Menge Arbeit in Bezug auf unsere Grundsätze geleistet. Das war sozusagen meine eigene Strategie, um sicherzustellen, dass wir niemanden abweisen, auch, als wir mit inhaftierten Menschen bei Elisabeth Fry gearbeitet haben. Aber das war damals, also bin ich mir sicher, dass sich die Dinge in Bezug auf die Grundsätze seitdem geändert haben. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich eine der Wegbereiterinnen war, die diese Arbeit begonnen haben. Was die Strategien angeht, so haben wir im Alltag dafür gesorgt, dass wir die Personalausweise der Menschen fotokopieren und ihre Akten über einen langen Zeitraum bei uns aufbewahrten. Wir waren auch sehr gewissenhaft bei der Dokumentation, weil viele unserer Klientinne vor Gericht vorgeladen wurden. Und wie Du vielleicht weißt, können viele dieser Unterlagen möglicherweise vor Gericht gegen sie verwendet werden. Ich überprüfte also all diese Dokumente und Akten und sogar unser Kommunikationslogbuch, um sicherzustellen, dass wir nichts taten, was unseren Klientinnen von Nachteil sein könnte oder alles nur noch schlimmer macht. Da es sich um ein Frauenhaus für Indigene Frauen handelte, stellten wir vorrangig Betten für Indigene Frauen zur Verfügung, aber wenn es freie Betten gab, öffneten wir uns für alle Menschen auf der Flucht. Ja, ich glaube, ich habe dort wirklich gute Arbeit geleistet. Natürlich gibt es noch viel zu tun, denn es wird ja auch von der Regierung finanziert, also gibt es Herausforderungen und Einschränkungen in Bezug auf das, was man tun kann, aber ich glaube, dass es ein guter Ausgangspunkt ist, mit einem grundsätzlichen Konzept zu beginnen, um Inklusivität zu gewährleisten. Und wir haben die "Herstory of Care" gemacht, die, glaube ich, jetzt "Theirstory of Care" heißt. Und das war eine weitere Maßnahme, die wir ergriffen haben: Wenn die Einzelne oder die Klientin in der Lage war und sich wohl dabei fühlte, hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, anstatt dass wir als Mitarbeiterinnen ihre Geschichte interpretierten. Denn sie ist ja die Expertin für ihr Leben. Sie weiß, was sie braucht, sie kennt ihre Geschichte besser als jede andere. Wir haben also dafür gesorgt, dass dieser Teil ihres Aufenthaltes bei uns von den Klientinnen selbst gestaltet wurde. Das waren die Dinge, die ich umgesetzt habe. Ich glaube, ich war ziemlich gut darin, wenn ich jetzt zurückdenke, das war vor 10 Jahren wie gesagt, aber es war eine Menge guter Arbeit. (lacht)
Meike: Eines der Themen, das ich in den Filmen, die in Stuttgart auf dem Festival gezeigt wurden, immer wieder gesehen habe, ist die Landfrage wie die Oka-Krise im Sommer 1990; dann thematisierst Du und auch andere Filmemacher*innen Gewalt gegen Frauen und Queers, darüber sprachen wir bereits. Was sind die aktuellen Kämpfe in Deinem Umfeld und woran arbeitest Du?
Jules: Mein neuester Dokumentarfilm heißt "Wapake" und wurde vom National Filmboard of Canada gefördert. Wapake bedeutet übersetzt "Morgen". Diese Dokumentation ist ein Langfilm, in dem es darum geht, das Kind einer Überlebenden der Residential Schools, der Internatsschulen zu sein. Also ein generationenübergreifendes Trauma, aber auch generationenübergreifende Resilienz. Dieser Film ist derzeit in der Postproduktion. Und dann arbeite ich an meinem zweiten Spielfilm Angelas Shadow, den wir im Juni drehen werden. Es ist eine Geistergeschichte, ich liebe meine Geistergeschichten, ich liebe diese Art von Gruselfilmen! Du weißt schon, Land, Geheimbund, Land zurück, Kampf gegen Internatsschulen und den Indian Act. Ich denke, das sind alles Themen, mit denen ich gerne spiele oder die ich in meiner Erzählung anspreche. In gewisser Weise ist das alles ziemlich subtil. Aber ja, ich berühre so ziemlich alles: Geschlechtsspezifische Gewalt, Landrückgabe und die spirituelle Ebene, Humor. Zurück auf das Land gehen und von den Ältesten und Wissensbewahrerinnen lernen. Ich berühre eine Menge Dinge. Ich habe eine Fernsehsendung namens Askiboyz, die man wahrscheinlich auch außerhalb Kanadas sehen kann. Askiboyz.com war eine jugendbasierte Doku-Serie oder Jugendserie, in der meine beiden älteren Jungs in 13 verschiedenen Indigenen Gemeinden das Jagen und Fallenstellen lernten. Wir haben auch kleine Anleitungsvideos auf der Website, die sowohl in Cree als auch in Englisch sind. Ich habe CBC-Kurzdokus. Einer davon ist NiiSoTeWak, ein Kurzfilm über meine Zwillinge, in dem sie ihre Identität als Individuen und als Zwillinge herausfinden. Ich habe also eine Menge Arbeit da draußen. Ich habe einen Film mit dem Titel Placenta, in dem es um Geburtszeremonien und Zeremonien zum Erwachsenwerden geht, also ja - ich mache viele verschiedene Arbeiten, es hängt von meiner Stimmung ab, denke ich.
Meike: Viele davon sind auch sehr persönliche Geschichten.
Jules: [zustimmend] Hmhm!
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Elizabeth Fry (* 21. Mai 1780 in Norwich; † 12. Oktober 1845 in Ramsgate) war britische Reformerin des Gefängniswesens und ist als „Engel der Gefängnisse“ bekannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Elizabeth_Fry
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Die Oka-Krise war eine Auseinandersetzung der Mohawk-First Nation People aus dem nahegelegenen Kanesatake-Reservat mit der kanadischen Gemeinde Oka in der Provinz Québec im Jahr 1990. Im Verlauf der 78 Tage dauernden Krise wurden ein Polizist der Quebecer Provinzpolizei „Sûreté du Québec“ bei den Auseinandersetzungen sowie ein Ältester der Mohawk bei Ausschreitungen von Blockadegegnern getötet. Sie bildete den Auftakt einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen von First Nation People Kanadas mit dem kanadischen Staat im späten 20. Jahrhundert. Die Oka-Krise entzündete sich an Plänen von Bürgern der Stadt Oka, einen Golfplatz auf Land auszudehnen, das von den Mohawk beansprucht wurde. Daraufhin begannen die Mohawk Barrikaden zu errichten. Drei Monate später, am 11. Juli 1990, begann die Provinzpolizei, die bewachten Barrikaden anzugreifen. Es kam zu einem Schusswechsel und nach dem tod eines polizisten zur eskalation. https://de.wikipedia.org/wiki/Oka-Krise
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https://de.wikipedia.org/wiki/Indian_Act
Als Indian Act (frz. Loi sur les Indiens) wird ein kanadisches Gesetz von 1876 bezeichnet, das die rechtliche Situation der Indianer – die in Kanada First Nations genannt werden – bis heute zusammenfassend regelt (Erste Vorarbeiten seit 1874, deshalb wird in der Literatur oft auch dieses Jahr für den Indian Act genannt). Das Gesetz ist diskriminierend, da es den Rechtsstatus von First Nations-Angehörigen als deutlich niedriger im Vergleich zu Weißen definiert und Reservate für sie vorsieht, deren Regeln von Weißen bestimmt werden.
Es wurde vom kanadischen Parlament auf Grundlage des Constitution Act von 1867 beschlossen, das der Bundesregierung das ausschließliche Recht verlieh, in Fragen der Indianer und des für Indianer reservierten Landes (in Kanada reserve genannt) zu entscheiden. Das zuständige Organ für die daraus folgenden Regelungen ist das Department of Indian Affairs and Northern Development, eine für Indianerangelegenheiten (und die Entwicklung des Nordens) zuständige Behörde, die seit 2017 von zwei Ministerien geleitet wird. Die zuständigen Ministerinnen sind zugleich Superintendent General, Behördenchefs.
Dieses Indianergesetz bestimmt, wer als Indianer gilt, und wer nicht. Es weist den so definierten Menschen Rechte zu, bzw. schränkt sie ein. N
Jules: Ja, das ist schon eine Weile her, also bin ich nicht mehr up-to-date, was das betrifft. Ich bin vor zehn Jahren aus dem Bereich der Sozialarbeit ausgestiegen. Ich habe bei Elisabeth Fry, und in einem Frauenhaus, gearbeitet. Ich habe also mit Frauen gearbeitet, die vor häuslicher Gewalt fliehen, und mit Frauen, die vor Gewalt auf der Straße fliehen. Und dann habe ich bei Elisabeth Fry auch mit inhaftierten Frauen gearbeitet oder mit Frauen, denen eine Inhaftierung droht. Ich weiß also wirklich nicht, wie die Zahlen heute aussehen. Ich weiß nur, dass wir im Gefängnissystem überrepräsentiert sind und zwar alle Geschlechter. Und ich weiß, dass das mit Racial Profiling und strukturellem Rassismus zu tun hat. Es gibt viele Gründe, warum das passiert und es ist sicher nicht die Schuld der First Nations. Ich weiß nicht, ob die Dinge besser geworden sind, wenn die Leute mehr Zugang zu Bildung haben. Ich habe diesen Bereich vor zehn Jahren verlassen, um mich auf meine Kunst zu konzentrieren. Aber es war auf jeden Fall eine wichtige Arbeit.
Meike: Du hast erwähnt, dass du in einem Frauenhaus gearbeitet hast und dass du selbst eine Überlebende bist. Ich nehme also an, dass das, was wir in Deinem Spielfilm Broken Angel sehen, ziemlich authentisch ist. Möchtest du ein paar deiner Erfahrungen teilen?
Jules: Also ich habe sehr lange ein Frauenhaus geleitet. Das bedeutet, dass ich Zugang zu einer Welt hatte, zu der viele Menschen keinen Zugang haben, es sei denn, sie sind Teil des Systems oder brauchen Hilfe oder Unterstützung. Es war also wirklich eine Herausforderung, eine schwierige Zeit. Ich habe das Gefühl, dass ich mich als Indigene Frau, die ich in meinem Leben viele Hürden und viel Gewalt erlebt habe, mit der Hauptfigur identifizieren konnte. Ich wusste, was die Einzelne tun muss, um sich aus solchen Situationen zu befreien. Deshalb sehen wir am Ende des ersten Aktes von "Broken Angel", wie strategisch sie bei ihrer Flucht vorgeht: Sie hat Taschen mit Lebensmitteln, ihre Nachbarin wartet im Auto auf sie, sie hat Geld unter ihrer Matratze versteckt und ihren Ausweis. Das sind Dinge, die wir mit unseren Klientinnen in der Unterkunft gemacht haben: einen Notfallplan erstellen für den Fall, dass sie zurückkehren oder bei einem anderen Täter oder Töter landen. Wir wollten also sicherstellen, dass unsere Klientinnen eine Handlungsoption haben und daß sie wissen, dass sie einen Ort haben, an den sie zurückkehren können, wenn sie uns brauchen. Es gab Zeiten, in denen wir ihre Ausweise für sie aufbewahrt haben, weil ihnen manchmal die Ausweise von der übergriffigen Person weggenommen wurden. Es gibt ja leider eine Menge Dinge, die passieren können.
Also ja, ich habe das Gefühl, dass ich diese Sensibilität und dieses Verständnis in die Geschichte eingebracht habe, das jemand anderes vielleicht nicht hätte, weil er oder sie diese Erfahrung nicht gemacht hat.
Meike: Ich habe ein Buch über Femizide in Deutschland gelesen. Es gibt Strategien gegen Femizide, aber da ist es wie überall: es hat keine Priorität in der Politik, es gibt zu wenig finanzielle Unterstützung und vielen ist dies als gravierendes Problem nicht einmal bewußt. Eine Wissenschaftlerin, die zu diesem Thema forscht, sagte mal zitat "Es sind ja nur Frauen". Welche Strategien gibt es sonst noch?
Jules: Als ich in den frühen 2000er Jahren das Frauenhaus leitete, haben wir viel mit einer queeren Organisation zusammengearbeitet, die zu uns kam und Workshops mit meinen Mitarbeiterinnen durchführte. Ich habe darauf hingearbeitet, dass unser Angebot inklusiver wird, dass wir niemanden abweisen. Wir hatten eine LGBTQ+-Politik, die wir in den frühen 2000er Jahren eingeführt haben. Wir haben also im Vorstand eine Menge Arbeit in Bezug auf unsere Grundsätze geleistet. Das war sozusagen meine eigene Strategie, um sicherzustellen, dass wir niemanden abweisen, auch, als wir mit inhaftierten Menschen bei Elisabeth Fry gearbeitet haben. Aber das war damals, also bin ich mir sicher, dass sich die Dinge in Bezug auf die Grundsätze seitdem geändert haben. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich eine der Wegbereiterinnen war, die diese Arbeit begonnen haben. Was die Strategien angeht, so haben wir im Alltag dafür gesorgt, dass wir die Personalausweise der Menschen fotokopieren und ihre Akten über einen langen Zeitraum bei uns aufbewahrten. Wir waren auch sehr gewissenhaft bei der Dokumentation, weil viele unserer Klientinne vor Gericht vorgeladen wurden. Und wie Du vielleicht weißt, können viele dieser Unterlagen möglicherweise vor Gericht gegen sie verwendet werden. Ich überprüfte also all diese Dokumente und Akten und sogar unser Kommunikationslogbuch, um sicherzustellen, dass wir nichts taten, was unseren Klientinnen von Nachteil sein könnte oder alles nur noch schlimmer macht. Da es sich um ein Frauenhaus für Indigene Frauen handelte, stellten wir vorrangig Betten für Indigene Frauen zur Verfügung, aber wenn es freie Betten gab, öffneten wir uns für alle Menschen auf der Flucht. Ja, ich glaube, ich habe dort wirklich gute Arbeit geleistet. Natürlich gibt es noch viel zu tun, denn es wird ja auch von der Regierung finanziert, also gibt es Herausforderungen und Einschränkungen in Bezug auf das, was man tun kann, aber ich glaube, dass es ein guter Ausgangspunkt ist, mit einem grundsätzlichen Konzept zu beginnen, um Inklusivität zu gewährleisten. Und wir haben die "Herstory of Care" gemacht, die, glaube ich, jetzt "Theirstory of Care" heißt. Und das war eine weitere Maßnahme, die wir ergriffen haben: Wenn die Einzelne oder die Klientin in der Lage war und sich wohl dabei fühlte, hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, anstatt dass wir als Mitarbeiterinnen ihre Geschichte interpretierten. Denn sie ist ja die Expertin für ihr Leben. Sie weiß, was sie braucht, sie kennt ihre Geschichte besser als jede andere. Wir haben also dafür gesorgt, dass dieser Teil ihres Aufenthaltes bei uns von den Klientinnen selbst gestaltet wurde. Das waren die Dinge, die ich umgesetzt habe. Ich glaube, ich war ziemlich gut darin, wenn ich jetzt zurückdenke, das war vor 10 Jahren wie gesagt, aber es war eine Menge guter Arbeit. (lacht)
Meike: Eines der Themen, das ich in den Filmen, die in Stuttgart auf dem Festival gezeigt wurden, immer wieder gesehen habe, ist die Landfrage wie die Oka-Krise im Sommer 1990; dann thematisierst Du und auch andere Filmemacher*innen Gewalt gegen Frauen und Queers, darüber sprachen wir bereits. Was sind die aktuellen Kämpfe in Deinem Umfeld und woran arbeitest Du?
Jules: Mein neuester Dokumentarfilm heißt "Wapake" und wurde vom National Filmboard of Canada gefördert. Wapake bedeutet übersetzt "Morgen". Diese Dokumentation ist ein Langfilm, in dem es darum geht, das Kind einer Überlebenden der Residential Schools, der Internatsschulen zu sein. Also ein generationenübergreifendes Trauma, aber auch generationenübergreifende Resilienz. Dieser Film ist derzeit in der Postproduktion. Und dann arbeite ich an meinem zweiten Spielfilm Angelas Shadow, den wir im Juni drehen werden. Es ist eine Geistergeschichte, ich liebe meine Geistergeschichten, ich liebe diese Art von Gruselfilmen! Du weißt schon, Land, Geheimbund, Land zurück, Kampf gegen Internatsschulen und den Indian Act. Ich denke, das sind alles Themen, mit denen ich gerne spiele oder die ich in meiner Erzählung anspreche. In gewisser Weise ist das alles ziemlich subtil. Aber ja, ich berühre so ziemlich alles: Geschlechtsspezifische Gewalt, Landrückgabe und die spirituelle Ebene, Humor. Zurück auf das Land gehen und von den Ältesten und Wissensbewahrerinnen lernen. Ich berühre eine Menge Dinge. Ich habe eine Fernsehsendung namens Askiboyz, die man wahrscheinlich auch außerhalb Kanadas sehen kann. Askiboyz.com war eine jugendbasierte Doku-Serie oder Jugendserie, in der meine beiden älteren Jungs in 13 verschiedenen Indigenen Gemeinden das Jagen und Fallenstellen lernten. Wir haben auch kleine Anleitungsvideos auf der Website, die sowohl in Cree als auch in Englisch sind. Ich habe CBC-Kurzdokus. Einer davon ist NiiSoTeWak, ein Kurzfilm über meine Zwillinge, in dem sie ihre Identität als Individuen und als Zwillinge herausfinden. Ich habe also eine Menge Arbeit da draußen. Ich habe einen Film mit dem Titel Placenta, in dem es um Geburtszeremonien und Zeremonien zum Erwachsenwerden geht, also ja - ich mache viele verschiedene Arbeiten, es hängt von meiner Stimmung ab, denke ich.
Meike: Viele davon sind auch sehr persönliche Geschichten.
Jules: [zustimmend] Hmhm!
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Elizabeth Fry (* 21. Mai 1780 in Norwich; † 12. Oktober 1845 in Ramsgate) war britische Reformerin des Gefängniswesens und ist als „Engel der Gefängnisse“ bekannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Elizabeth_Fry
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Die Oka-Krise war eine Auseinandersetzung der Mohawk-First Nation People aus dem nahegelegenen Kanesatake-Reservat mit der kanadischen Gemeinde Oka in der Provinz Québec im Jahr 1990. Im Verlauf der 78 Tage dauernden Krise wurden ein Polizist der Quebecer Provinzpolizei „Sûreté du Québec“ bei den Auseinandersetzungen sowie ein Ältester der Mohawk bei Ausschreitungen von Blockadegegnern getötet. Sie bildete den Auftakt einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen von First Nation People Kanadas mit dem kanadischen Staat im späten 20. Jahrhundert. Die Oka-Krise entzündete sich an Plänen von Bürgern der Stadt Oka, einen Golfplatz auf Land auszudehnen, das von den Mohawk beansprucht wurde. Daraufhin begannen die Mohawk Barrikaden zu errichten. Drei Monate später, am 11. Juli 1990, begann die Provinzpolizei, die bewachten Barrikaden anzugreifen. Es kam zu einem Schusswechsel und nach dem tod eines polizisten zur eskalation. https://de.wikipedia.org/wiki/Oka-Krise
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https://de.wikipedia.org/wiki/Indian_Act
Als Indian Act (frz. Loi sur les Indiens) wird ein kanadisches Gesetz von 1876 bezeichnet, das die rechtliche Situation der Indianer – die in Kanada First Nations genannt werden – bis heute zusammenfassend regelt (Erste Vorarbeiten seit 1874, deshalb wird in der Literatur oft auch dieses Jahr für den Indian Act genannt). Das Gesetz ist diskriminierend, da es den Rechtsstatus von First Nations-Angehörigen als deutlich niedriger im Vergleich zu Weißen definiert und Reservate für sie vorsieht, deren Regeln von Weißen bestimmt werden.
Es wurde vom kanadischen Parlament auf Grundlage des Constitution Act von 1867 beschlossen, das der Bundesregierung das ausschließliche Recht verlieh, in Fragen der Indianer und des für Indianer reservierten Landes (in Kanada reserve genannt) zu entscheiden. Das zuständige Organ für die daraus folgenden Regelungen ist das Department of Indian Affairs and Northern Development, eine für Indianerangelegenheiten (und die Entwicklung des Nordens) zuständige Behörde, die seit 2017 von zwei Ministerien geleitet wird. Die zuständigen Ministerinnen sind zugleich Superintendent General, Behördenchefs.
Dieses Indianergesetz bestimmt, wer als Indianer gilt, und wer nicht. Es weist den so definierten Menschen Rechte zu, bzw. schränkt sie ein. N

