"Es gibt keinen finanziellen Ausgleich für die betroffene lokale Bevölkerung": Indigene und Klimaaktivisti kritisieren Bidens Zustimmung zu Willow Ölbohrprojekt in der Arktis
ID 121690
Amy Goodman von Democracy Now! in New York sprach mit Siqiñiq Maupin am Nordpol in Alaska, der Geschäftsführerin der Indigenen Selbstorganisation Sovereign Iñupiat for a Living Arctic, übersetzt in etwa 'Souveräne Iñupiat für eine lebendige Arktis'.
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
Skript
SIDIÑIQ MAUPIN: Das Willow Gas- und Ölbohrprojekt ist das Größte, das es derzeit auf öffentlichem Land gibt. Es handelt sich um ein riesiges Projekt, das in der Region North Slope, Alaska durchgeführt werden soll. Die nächstgelegene Gemeinde wäre Nuiqsut. Es würde die Gemeinde, die bereits die Ölfelder Prudhoe Bay und Alpine in der Nachbarschaft hat, vollständig mit Öl- und Gasprojekten einkreisen. Und das ist nur der Anfang des Projekts, denn es könnte grünes Licht für weitere Bobenbeprobungen und Erschließungen geben. Und dieses Projekt würde so viel Kohlenstoff ausstoßen, dass sich die Menge sogar verdoppeln würde, obwohl Biden versprochen hatte, die CO²-Emissionen zu reduzieren. Alle seine Pläne zur Verringerung des CO2-Ausstoßes würden also durch dieses Projekt zunichte gemacht. Es würde also die Treibhausgasemission der USA verdoppeln, statt – wie von Biden versprochen – sie zu verringern.
SIDIÑIQ MAUPIN: Ja, wir – also ich persönlich versuche seit etwa vier Jahren, dieses Projekt zu bekämpfen. Auf einer persönlicheren Ebene: Meine Mutter lebt in Nuiqsut. Meine Familie stammt aus Nuiqsut. Und obwohl ich nicht dort aufgewachsen bin, empfinde ich eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu dieser Gemeinde.
2018 wurde ich zu einem Planungstreffen für ein Luftqualitätsüberwachungssystem eingeladen. Derzeit ist ConocoPhillips der Eigentümer des einzigen Luftqualitätsüberwachungssystems in Nuiqsut und besitzt auch den größten Teil der Forschungseinrichtungen, die für die Sicherheit dieses Projekts erforderlich sind, damit dieses vorankommt. Wir haben uns also die 10 wichtigsten Schadstoffe, die ConocoPhillips ausstößt und die der us-Umweltschutzbehörde vorgelegt werden müssen, angesehen und haben uns auch die möglichen Auswirkungen angesehen, die diese Stoffe haben können wie Krebs, Atemwegserkrankungen und andere Dinge; sogar die Änderung des Geschlechts eines Kindes im Mutterleib von männlich zu weiblich. An dieser Sitzung nahmen auch Mitglieder der Gemeinde und ein Jugendrat teil, und viele von uns stellten fest, dass wir diese Krankheitsfälle in unserer Familie erlebt haben. Wir hatten eine Zunahme von Krebs und Atemwegserkrankungen festgestellt.
Und 2012 gab es einen Blowout des spanischen multinationalen Öl- und Energiekonzerns Repsol. Der hat dazu geführt, dass ein Kind aus dem Dorf aus medizinischen Gründen evakuiert werden musste. Ein Anderes hat seitdem dauerhafte Gesundheitsprobleme mit den Atmungsorganen. Viele Menschen haben Beschwerde eingereicht.
Vor kurzem gab es ein Gasleck in der Nähe von Nuiqsut auf dem Ölfeld von Alpine, und das Dorf wurde nicht evakuiert. Die Verantwortlichen sagten, der lokalen Bevölkerung ginge es gut. Aber viele Menschen haben sich selbst evakuiert, weil die Kinder über Übelkeit, Kopfschmerzen klagten und unter Unwohlsein litten. Derzeit gibt es also keinen Plan, um die Evakuierung zu unterstützen oder die Sicherheit der Gemeinde Nuiqsut zu garantieren.
Als ich mehr über dieses Projekt und seine Folgen lernte, bemerkte ich, daß nicht nur die Auswirkungen auf die Gemeinde und die öffentliche Gesundheit, sondern auch die Auswirkungen auf das Klima erheblich wären. Die Arktis erwärmt sich viermal so schnell wie der Rest der Welt. Und während viele Menschen über den Klimawandel spekulieren, erleben wir ihn gerade. Im Fluß Yukon können die Menschen schon seit vielen Jahren nicht mehr fischen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir sehen Karibus, die Anzeichen des Verhungerns zeigen. Wir beobachten, dass verschimmelte Fische auftauchen. Und das Bohrprojekt wird diese Probleme beschleunigen und zu Ernährungsunsicherheit und vielen, vielen anderen Schwierigkeiten führen, die nicht nur Nuiqsut oder die acht Gemeinden in der Region North Slope betreffen, sondern die gesamte Arktis an sich. Und natürlich wird der Klimawandel sich auch auf die Menschen auf der ganzen Welt auswirken.
Aus diesen Gründen sind wir sehr besorgt über dieses Projekt, aber wir wollen auch von Öl und Gas wegkommen, und dieses Projekt hat uns für die nächsten 30 Jahre an Öl und Gas gebunden. Und wir würden erst in 10 Jahren von den wirtschaftlichen Vorteilen profitieren. Das wäre eine Katastrophe für Biden, der versprochen hatte, dass er uns den Übergang zu sauberer Energie ermöglichen würde. Und was auch besorgniserregend ist, ist die Tatsache, dass wir gesehen haben, dass kleine, ländliche Orte wie dieser immer wieder systematisch in eine wirtschaftliche Geiselhaft geraten sind. Kohle- und Goldbergbau – den Gemeinden wird immer wieder gesagt, dass die einzige Möglichkeit, grundlegende Dinge wie fließendes Wasser, Sanitäranlagen und dergleichen zu erhalten, darin besteht, ihre Gesundheit, ihr Land, ihre Ernährungssicherheit zu opfern. Und dieses Projekt hat noch so viele weitere negative Folgen.
SIDIÑIQ MAUPIN: ConocoPhillips hat einen großen Einfluss auf alles, was in Alaska passiert, politisch, lokal und in der öffentlichen Bildung. Und vor kurzem hat Rosemary Ahtuangaruak, die Bürgermeisterin von Nuiqsut, zusammen mit anderen Gemeinderatsmitgliedern und der Präsidentin der Indigenen Selbstorganisation Native Village of Nuiqsut einen Brief veröffentlicht, in dem es heißt, dass dieses Projekt nicht nur für die Menschen dort schädlich wäre, sondern auch klimapolitisch ein großer Fehler wäre. Und wie wir gesehen haben, können wir ein solches Projekt nicht durchführen und gleichzeitig das globale Ziel der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen erreichen. Das ist unmöglich.
Wenn wir uns also dieses Projekt ansehen, verstehen wir die politischen Verbindungen, die Präsident Biden mit der Senatorin von Alaska, Lisa Ann Murkowski, hat. Murkowski ist eine Republikanerin, welche die Parteigrenzen überschreitet, weil sie wirklich will, dass dieses Projekt vorankommt. Daher glauben wir, dass Bidens Entscheidungen nicht auf Logik basiert oder darauf, was für seine Wähler*innen und die Bevölkerung am besten sind. Er trifft Entscheidungen, die auf dem Druck von politischen Führungskräften basieren. Und diese vertreten Alaska nicht gut. Es sind schon so viele Dinge in der Arktis passiert, die rücksichtslos waren. Es mußten z.B. 12 Dörfer in Alaska aufgrund der Erosion, die vom Klimawandel verursacht war, sofort umgesiedelt werden. Und dieses Projekt würde diese Probleme nur noch verschlimmern. Und für den Schutz der Bevölkerung gibt es keine finanziellen Mittel vom Bund.
Da Präsident Biden nun grünes Licht für dieses Projekt gegeben hat, bricht er nicht nur viele seiner Wahlversprechen, sondern geht auch das Risiko ein, dass unsere Welt weniger Chancen hat, die Herausforderungen zu bewältigen, denen wir aufgrund des Klimawandels gegenüberstehen.
https://www.democracynow.org/2023/3/13/a...
SIDIÑIQ MAUPIN: Ja, wir – also ich persönlich versuche seit etwa vier Jahren, dieses Projekt zu bekämpfen. Auf einer persönlicheren Ebene: Meine Mutter lebt in Nuiqsut. Meine Familie stammt aus Nuiqsut. Und obwohl ich nicht dort aufgewachsen bin, empfinde ich eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu dieser Gemeinde.
2018 wurde ich zu einem Planungstreffen für ein Luftqualitätsüberwachungssystem eingeladen. Derzeit ist ConocoPhillips der Eigentümer des einzigen Luftqualitätsüberwachungssystems in Nuiqsut und besitzt auch den größten Teil der Forschungseinrichtungen, die für die Sicherheit dieses Projekts erforderlich sind, damit dieses vorankommt. Wir haben uns also die 10 wichtigsten Schadstoffe, die ConocoPhillips ausstößt und die der us-Umweltschutzbehörde vorgelegt werden müssen, angesehen und haben uns auch die möglichen Auswirkungen angesehen, die diese Stoffe haben können wie Krebs, Atemwegserkrankungen und andere Dinge; sogar die Änderung des Geschlechts eines Kindes im Mutterleib von männlich zu weiblich. An dieser Sitzung nahmen auch Mitglieder der Gemeinde und ein Jugendrat teil, und viele von uns stellten fest, dass wir diese Krankheitsfälle in unserer Familie erlebt haben. Wir hatten eine Zunahme von Krebs und Atemwegserkrankungen festgestellt.
Und 2012 gab es einen Blowout des spanischen multinationalen Öl- und Energiekonzerns Repsol. Der hat dazu geführt, dass ein Kind aus dem Dorf aus medizinischen Gründen evakuiert werden musste. Ein Anderes hat seitdem dauerhafte Gesundheitsprobleme mit den Atmungsorganen. Viele Menschen haben Beschwerde eingereicht.
Vor kurzem gab es ein Gasleck in der Nähe von Nuiqsut auf dem Ölfeld von Alpine, und das Dorf wurde nicht evakuiert. Die Verantwortlichen sagten, der lokalen Bevölkerung ginge es gut. Aber viele Menschen haben sich selbst evakuiert, weil die Kinder über Übelkeit, Kopfschmerzen klagten und unter Unwohlsein litten. Derzeit gibt es also keinen Plan, um die Evakuierung zu unterstützen oder die Sicherheit der Gemeinde Nuiqsut zu garantieren.
Als ich mehr über dieses Projekt und seine Folgen lernte, bemerkte ich, daß nicht nur die Auswirkungen auf die Gemeinde und die öffentliche Gesundheit, sondern auch die Auswirkungen auf das Klima erheblich wären. Die Arktis erwärmt sich viermal so schnell wie der Rest der Welt. Und während viele Menschen über den Klimawandel spekulieren, erleben wir ihn gerade. Im Fluß Yukon können die Menschen schon seit vielen Jahren nicht mehr fischen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wir sehen Karibus, die Anzeichen des Verhungerns zeigen. Wir beobachten, dass verschimmelte Fische auftauchen. Und das Bohrprojekt wird diese Probleme beschleunigen und zu Ernährungsunsicherheit und vielen, vielen anderen Schwierigkeiten führen, die nicht nur Nuiqsut oder die acht Gemeinden in der Region North Slope betreffen, sondern die gesamte Arktis an sich. Und natürlich wird der Klimawandel sich auch auf die Menschen auf der ganzen Welt auswirken.
Aus diesen Gründen sind wir sehr besorgt über dieses Projekt, aber wir wollen auch von Öl und Gas wegkommen, und dieses Projekt hat uns für die nächsten 30 Jahre an Öl und Gas gebunden. Und wir würden erst in 10 Jahren von den wirtschaftlichen Vorteilen profitieren. Das wäre eine Katastrophe für Biden, der versprochen hatte, dass er uns den Übergang zu sauberer Energie ermöglichen würde. Und was auch besorgniserregend ist, ist die Tatsache, dass wir gesehen haben, dass kleine, ländliche Orte wie dieser immer wieder systematisch in eine wirtschaftliche Geiselhaft geraten sind. Kohle- und Goldbergbau – den Gemeinden wird immer wieder gesagt, dass die einzige Möglichkeit, grundlegende Dinge wie fließendes Wasser, Sanitäranlagen und dergleichen zu erhalten, darin besteht, ihre Gesundheit, ihr Land, ihre Ernährungssicherheit zu opfern. Und dieses Projekt hat noch so viele weitere negative Folgen.
SIDIÑIQ MAUPIN: ConocoPhillips hat einen großen Einfluss auf alles, was in Alaska passiert, politisch, lokal und in der öffentlichen Bildung. Und vor kurzem hat Rosemary Ahtuangaruak, die Bürgermeisterin von Nuiqsut, zusammen mit anderen Gemeinderatsmitgliedern und der Präsidentin der Indigenen Selbstorganisation Native Village of Nuiqsut einen Brief veröffentlicht, in dem es heißt, dass dieses Projekt nicht nur für die Menschen dort schädlich wäre, sondern auch klimapolitisch ein großer Fehler wäre. Und wie wir gesehen haben, können wir ein solches Projekt nicht durchführen und gleichzeitig das globale Ziel der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen erreichen. Das ist unmöglich.
Wenn wir uns also dieses Projekt ansehen, verstehen wir die politischen Verbindungen, die Präsident Biden mit der Senatorin von Alaska, Lisa Ann Murkowski, hat. Murkowski ist eine Republikanerin, welche die Parteigrenzen überschreitet, weil sie wirklich will, dass dieses Projekt vorankommt. Daher glauben wir, dass Bidens Entscheidungen nicht auf Logik basiert oder darauf, was für seine Wähler*innen und die Bevölkerung am besten sind. Er trifft Entscheidungen, die auf dem Druck von politischen Führungskräften basieren. Und diese vertreten Alaska nicht gut. Es sind schon so viele Dinge in der Arktis passiert, die rücksichtslos waren. Es mußten z.B. 12 Dörfer in Alaska aufgrund der Erosion, die vom Klimawandel verursacht war, sofort umgesiedelt werden. Und dieses Projekt würde diese Probleme nur noch verschlimmern. Und für den Schutz der Bevölkerung gibt es keine finanziellen Mittel vom Bund.
Da Präsident Biden nun grünes Licht für dieses Projekt gegeben hat, bricht er nicht nur viele seiner Wahlversprechen, sondern geht auch das Risiko ein, dass unsere Welt weniger Chancen hat, die Herausforderungen zu bewältigen, denen wir aufgrund des Klimawandels gegenüberstehen.
https://www.democracynow.org/2023/3/13/a...

