"In der Schule lernen sie mehr über die Natives in den Amerikas als über die Indigenen in ihrem eigenen Land" - Sámi in Schweden werden unsichtbar gemacht
ID 123980
Nils Johanás Allas ist Rentierzüchter und Vorsitzender der samischen Gemeinde Talma in der Nähe von Kiruna, Schweden. Dort darf die australische Firma Talga Resources jetzt eine neue Graphitmine entstehen lassen. Für Nils Johanás kam das Okay der Gerichte im April diesen Jahres unerwartet.
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Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
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Skript
Audio nils johanas allas
Nils: Ich war überrascht darüber, daß sie ein weiteres Bergwerk genehmigt haben. Das nimmt viel Weideland weg für die Rentiere, wo da jetzt dieses Bergwerk hinsoll. Und es ist mittendrin im Winterweideland. Die Tiere brauchen Ruhe und Energie, um zu grasen und um durch den Winter zu kommen. Es ist eine unglaubliche Enttäuschung, daß das Land- und Umweltgericht diese Bergwerk erlaubt hat. Wenn da soviel menschliche Aktivität ist wie in Esrange, wo sich ein Startplatz für Höhenforschungsraketen befindet, vermeiden sie diese Gebiete und haben nicht die Ruhe da wirklich zu fressen. Auch in Jukkasjärvi, das total touristisch ist, sieht man, daß sie diese Gebiete meiden und das wird jetzt auch beim Bergbau der Fall sein. Die westliche Welt spricht von einer grünen Transition; für die Sámi ist es aber eine schwarze Transition, weil es so viele der Voraussetzungen wegnimmt für sie überhaupt zu überleben. Auch mit Windrädern, da wird auch immer darüber geredet, daß es eine grüne Transition ist, aber das ist es in Wirklichkeit nicht für die Sámi, weil es auch die Rentiere stört. Die werden vertrieben zu schlechterem Weideland, wo auch Rotwild ist und dann kriegen sie nicht genug zu fressen.
Meike: Kannst du über die Geschcihte der Kolonisierung von Sápmi, dem von Sámi bewohnten Gebiet, sprechen? Wie wird diese Kolonisierung bis heute fortgeführt mit der sogenannten "grünen Transition"; diesem Ökokolonialismus?
Nils: Als die Eisen- und Stahlproduktion kam, war das supergut für die Welt und für Schweden. In Kiruna haben sie Eisenerz gefördert, aber viele der Fischplätze und Wohnorte sind verschwunden und das war für die Sámi nicht gut. Vorher waren da viele Heringe. Da war das keine grüne Transition; Schweden war einfach nur daran interessiert, Stahl und Elektrizität zu produzieren. Mit Kupferminen war das auch keine grüne Transition. Das war nur, weil Schweden Kupfer wollte und die haben dann da angefangen zu graben. Es gibt ganz viele alte Kupferminen. Gemäß der Schwed*innen war es eine grüne Transition, in der Natur rumzugraben. Jetzt wollen sie eben andere Minerale und Erdmetalle, in unserem Fall Graphit. Für uns ist das aber so, daß sie das ganze Land Land kaputtgraben. Es fühlt sich so an, als hätte die Natur keinen Wert mehr.
Meike: Es gibt ja durchaus auch Gesetzgebungen und internationale Konventionen, die Indigene Rechte schützen sollen: 1751 schlossen die Königreiche Dänemark-Norwegen und Schweden einen Grenzvertrag, der heute als "Sámi Magna Carta" bezeichnet wird, weil er ihnen - ihrem nomadischen Lebensstil entsprechend - jederzeit das Grenzübertrittsrecht gewährte. Schweden und Norwegen verhandeln seither immer wieder über neue Konventionen. Talma Sameby, die Gemeinde, in der du lebst, hat im Januar 2020 sogar Entschädigung vor Gericht erstritten. Wie stehen eure Chancen vor Gericht?
Nils: Die Chancen sind sehr klein, daß die samischen Rechte in Schweden überhaupt ernst genommen werden. Als sie den Staat verklagt haben, hat Schweden ein unrechtmäßiges Gesetz erlassen. Das war ein Übergriff auf die Sámi. Wie ein Gewinn fühlt es sich für die Sámi nicht an. Die Schwed*innen machen, was sie wollen. Gegen die Sámi macht Schweden was es will.
Meike: Ich habe mit einem Umweltaktivisten aus Südschweden gesprochen und er hat in den 12 Jahren, in denen er zur Schule ging, nie von den Sámi gehört. Es gibt ja den Sámirat, das Sámiparlament.... Gibt es denn keine repräsentation der Sámi in den Medien und in der nationalen Politik? Wie kann es sein, daß im eigenen Land soviel Unwissen über die Indigenen in Skandinavien herrscht?
Nils: In der Schule lernen sie mehr über die Natives in den Amerikas als über die Indigenen in ihrem eigenen Land.
Meike: Aus einer deutschen Perspektive ist Schweden ein sehr progressives Land z.B. in Sachen Frauenrechte, Abtreibungen etc. Ich habe den Film Sameblod gesehen, der vor ein paar Jahren herauskam. Warum halten sich rassistische Stereotype und abwertende Begriffe bis heute? Gibt es denn keine Regierunsprogramme, um die Jugend aufzuklären oder so etwas?
Nils: Da ist viel Rassismus in Nordschweden. In Südschweden oder in Stockholm findet man das witzig, daß es Sámi gibt. Und im Norden denkt man einfach, die Sámi sind im Weg. Die Schwed*innen denken, daß die Sámi die ganze Entwicklung stoppen, aber es zerstört eben unsere Kultur.
Meike: Wie kann eine wirkliche grüne Transition aus deiner Sicht aussehen ohne all das Land zu zerstören ?
Nils: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe gar keine grüne Transition. Sie graben Bergwerke und bauen Windräder ohne unsere Einwilligung. Ich fühle mich aufgegeben und und kann mir auch nicht vorstellen, daß eine grüne Transition passiert.
Meike: Nach dem was ich gehört und gelesen habe, existieren gesetzliche Verpflichtung dazu, daß Bergbauunternehmen sich mit den Sámi und anderen lokalen Bevölkerungsteilen beraten muß. Es gibt also Dialoge. Aber das passiert noch zu wenig und die multinationalen Konzerne scheinen die Sorgen der lokalen Bevölkerung nicht zu hören. Wie würde eine Kooperation zwischen Unternehmen, lokaler Bevölkerung und den Sámi aussehen, wenn sie so durchgeführt werden würde, wie die internationelen Konventionen und das schwedische Bergbaugesetz es vorschreiben?
Nils: Es soll nicht so aussehen wie die australischen Unternehmen es machen. Sie wollen Schulen für die Sámi bauen, aber die Sámi sollten ihnen eigentlich etwas beibringen. Die haben vorgeschlagen, ihnen alle Rentiere abzukaufen. Da gibts keine Kultur mehr wenn alle Rentiere weg sind. Also es gibt hundert verschiedene Worte auf Sámi für Schnee. Der Schnee sieht anders aus, wenn die Rentiere darauf rumgetrampelt haben. Und er sieht anders aus, wenn die Rentiere darin gefressen haben. Im Schwedischen gibt es nur ein Wort für Schnee.
Meike: Seit über 25 Jahren sind bereits Delegationen der Sámi im EU-Parlament zu Besuch. Dennoch gibt es bisher keine Ergebnisse. Und wir sprechen hier über Gebiete wie z.b. Gállok, wo ein Konzern Eisenerz abbauen möchte. Gállok ist aber als Weltkulturerbe von der UNESCO geschützt. Wie kann das sein, daß hier eine Gericht bereits eine Bohrgenehigung erteilt hat?
Nils: Nur ein paar hundert Meter von den Bergwerken, wo gegraben werden soll, ist dieses Weltkulturerbe. Es geht runter bis Bottenviken, bis zur Ostsee. Dem australischen Batteriekonzern Talga ist das egal. Wenn das Gebiet verunreinigt werden sollte, haben die Leute kein reines Trinkwasser mehr. Dieser Konzern spricht davon, daß sie auf keinen Fall das Trinkwasser verunreinigen werden, aber wie können sie sich da so sicher sein? Es gibt Schreckensbilder, wo Bergwerke, die nicht mehr benutzt werden, giftige Substanzen rauslassen.
Meike: Bergbauunternehmen betonen gerne in ihren Pressestatements, daß es beides geben kann - ein Grube und nomadische Rentierhaltung. Aber nach dem, was du uns erzählt hast, daß die Tiere viel Ruhe brauchen, geht das nicht. Kannst du für uns und unsere Hörer*innen die Landschaft beschreiben, denn es ist so weit weg von uns.
Nils: Für mich ist ein Bergwerk dort mit der Landschaft nicht vereinbar. Es gibt einen Berg, den sie kaputtgraben wollen; es gibt Wald, Moore und viele Tannen. Da ist superwenig Störung, wenig Zerstörung, da wo sie jetzt sind und wo sie jetzt graben wollen. Für die Rentiere ist es bisher einfach perfekt. Und dann haben wir einige Meilen bis Esrange. Hinter Esrange wollen die Rentiere nicht sein, da ist so viel Aktivität, da halten sie sich dann fern.
Meike: Wem gehört das Land?
Nils: Den Leuten, die es über Generationen bewahren. Es ist ihrs, und gehört ihren Kindern und Enkelkindern und ihren Urenkelkindern und den Generationen, die danach dort leben werden. Es ist ihre Schuldigkeit und ihre Verantwortung, die Natur zu bewahren.
Meike: Was können wir hier in Deutschland tun, um unsere Solidarität zu zeigen?
Nils: Ich weiß nicht, wie. Auf irgendeine Weise helfen, aber auch sich mit dem Leben der Sámi beschäftigen. Denn es gibt wahrscheinlich nicht viele, die etwas darüber wissen. Versuchen, das Leben der Sámi zu verstehen. Meiner Ansicht nach macht Schweden das auf jeden Fall nicht richtig. Die Deutschen können sich von den Schwed*innen distanzieren im Hinblick darauf, wo sie die Natur zerstören.
Meike: indigene sind immer die ersten, die nicht nur direkt von bergbauprojekten, sondern auch von der globalen erwärmung betroffen sind. welche veränderungn bemerkst du jetzt bereits?
nils: In den Sommern ist es schon viel zu warm und die Rentiere finden keine Schneeflecken mehr, wo sie sich richtig gut ausruhen können. Und wenn sie keine Schneeflecken haben, haben sie auch keinen richtigen Schutz vor Infekten und eben auch keine Ausruhplätze im Sommer. Es kann sein, daß im September schon nasser Schnee kommt, der vereist und die Rentiere fressen dann nur Gewächse vom Boden. Oder es regnet total viel im September und dann kann der Boden nicht mehr richtig trocknen und dann ist der Boden feucht unter dem Schnee und friert. Das kann das Weideland den gesamten Winter in ganzen Gebieten zerstören. Es kann dann auch gefährlich sein für Mensch und Tier – sie können einbrechen, weil das Eis unsicher ist. Das einzig Positive ist, daß es im Frühling früher warm wird und der Schnee früher schmilzt. Aber es kann sein, daß die Rentiere zu wenig Nahrung haben um die Kälber aufzuziehen. Aber dieses Jahr war es ein perfekter Winter, Frühling und Herbst. Der beste Winter seit mindestens 30 Jahren für uns Rentierzüchter*innen.
Meike: Ich habe Videos von Māori in Gállok gesehen bei den Widerstandskämpfen gegen den britischen Bergbaukonzern Beowulf vor 10 Jahren. Es gibt auch Fotos von Sámi in Standing Rock, wo Native Americans ihre Reservation gegen den Bau einer Ölpipeline 2016 verteidigten. Indigene auf der ganzen Welt kämpfen für ihr Land und die Natur. Was bedeutet diese Solidarität der Indigenen Nationen in Umweltprotesten für dich?
Nils: Die Urbevölkerung versteht die Natur. Das Einzige was wir wollen, ist, daß die Natur intakt bleibt und nicht zerstört wird. Alle Urbevölkerungen in der Welt verstehen die Natur besser als die Kolonisator*innen. Deswegen sollten die Indigenen sich gegenseitig stützen.
Meike: wenn due einen wunsch freihättest...
Nils: Ich will einfach, daß es den Rentieren gut geht und daß die Natur nicht zerstört wird und daß wir mit den Rentieren arbeiten können. Wenn es den Rentieren schlecht geht, dann geht es den Rentierzüchter*innen auch schlecht.
Nils: Ich war überrascht darüber, daß sie ein weiteres Bergwerk genehmigt haben. Das nimmt viel Weideland weg für die Rentiere, wo da jetzt dieses Bergwerk hinsoll. Und es ist mittendrin im Winterweideland. Die Tiere brauchen Ruhe und Energie, um zu grasen und um durch den Winter zu kommen. Es ist eine unglaubliche Enttäuschung, daß das Land- und Umweltgericht diese Bergwerk erlaubt hat. Wenn da soviel menschliche Aktivität ist wie in Esrange, wo sich ein Startplatz für Höhenforschungsraketen befindet, vermeiden sie diese Gebiete und haben nicht die Ruhe da wirklich zu fressen. Auch in Jukkasjärvi, das total touristisch ist, sieht man, daß sie diese Gebiete meiden und das wird jetzt auch beim Bergbau der Fall sein. Die westliche Welt spricht von einer grünen Transition; für die Sámi ist es aber eine schwarze Transition, weil es so viele der Voraussetzungen wegnimmt für sie überhaupt zu überleben. Auch mit Windrädern, da wird auch immer darüber geredet, daß es eine grüne Transition ist, aber das ist es in Wirklichkeit nicht für die Sámi, weil es auch die Rentiere stört. Die werden vertrieben zu schlechterem Weideland, wo auch Rotwild ist und dann kriegen sie nicht genug zu fressen.
Meike: Kannst du über die Geschcihte der Kolonisierung von Sápmi, dem von Sámi bewohnten Gebiet, sprechen? Wie wird diese Kolonisierung bis heute fortgeführt mit der sogenannten "grünen Transition"; diesem Ökokolonialismus?
Nils: Als die Eisen- und Stahlproduktion kam, war das supergut für die Welt und für Schweden. In Kiruna haben sie Eisenerz gefördert, aber viele der Fischplätze und Wohnorte sind verschwunden und das war für die Sámi nicht gut. Vorher waren da viele Heringe. Da war das keine grüne Transition; Schweden war einfach nur daran interessiert, Stahl und Elektrizität zu produzieren. Mit Kupferminen war das auch keine grüne Transition. Das war nur, weil Schweden Kupfer wollte und die haben dann da angefangen zu graben. Es gibt ganz viele alte Kupferminen. Gemäß der Schwed*innen war es eine grüne Transition, in der Natur rumzugraben. Jetzt wollen sie eben andere Minerale und Erdmetalle, in unserem Fall Graphit. Für uns ist das aber so, daß sie das ganze Land Land kaputtgraben. Es fühlt sich so an, als hätte die Natur keinen Wert mehr.
Meike: Es gibt ja durchaus auch Gesetzgebungen und internationale Konventionen, die Indigene Rechte schützen sollen: 1751 schlossen die Königreiche Dänemark-Norwegen und Schweden einen Grenzvertrag, der heute als "Sámi Magna Carta" bezeichnet wird, weil er ihnen - ihrem nomadischen Lebensstil entsprechend - jederzeit das Grenzübertrittsrecht gewährte. Schweden und Norwegen verhandeln seither immer wieder über neue Konventionen. Talma Sameby, die Gemeinde, in der du lebst, hat im Januar 2020 sogar Entschädigung vor Gericht erstritten. Wie stehen eure Chancen vor Gericht?
Nils: Die Chancen sind sehr klein, daß die samischen Rechte in Schweden überhaupt ernst genommen werden. Als sie den Staat verklagt haben, hat Schweden ein unrechtmäßiges Gesetz erlassen. Das war ein Übergriff auf die Sámi. Wie ein Gewinn fühlt es sich für die Sámi nicht an. Die Schwed*innen machen, was sie wollen. Gegen die Sámi macht Schweden was es will.
Meike: Ich habe mit einem Umweltaktivisten aus Südschweden gesprochen und er hat in den 12 Jahren, in denen er zur Schule ging, nie von den Sámi gehört. Es gibt ja den Sámirat, das Sámiparlament.... Gibt es denn keine repräsentation der Sámi in den Medien und in der nationalen Politik? Wie kann es sein, daß im eigenen Land soviel Unwissen über die Indigenen in Skandinavien herrscht?
Nils: In der Schule lernen sie mehr über die Natives in den Amerikas als über die Indigenen in ihrem eigenen Land.
Meike: Aus einer deutschen Perspektive ist Schweden ein sehr progressives Land z.B. in Sachen Frauenrechte, Abtreibungen etc. Ich habe den Film Sameblod gesehen, der vor ein paar Jahren herauskam. Warum halten sich rassistische Stereotype und abwertende Begriffe bis heute? Gibt es denn keine Regierunsprogramme, um die Jugend aufzuklären oder so etwas?
Nils: Da ist viel Rassismus in Nordschweden. In Südschweden oder in Stockholm findet man das witzig, daß es Sámi gibt. Und im Norden denkt man einfach, die Sámi sind im Weg. Die Schwed*innen denken, daß die Sámi die ganze Entwicklung stoppen, aber es zerstört eben unsere Kultur.
Meike: Wie kann eine wirkliche grüne Transition aus deiner Sicht aussehen ohne all das Land zu zerstören ?
Nils: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe gar keine grüne Transition. Sie graben Bergwerke und bauen Windräder ohne unsere Einwilligung. Ich fühle mich aufgegeben und und kann mir auch nicht vorstellen, daß eine grüne Transition passiert.
Meike: Nach dem was ich gehört und gelesen habe, existieren gesetzliche Verpflichtung dazu, daß Bergbauunternehmen sich mit den Sámi und anderen lokalen Bevölkerungsteilen beraten muß. Es gibt also Dialoge. Aber das passiert noch zu wenig und die multinationalen Konzerne scheinen die Sorgen der lokalen Bevölkerung nicht zu hören. Wie würde eine Kooperation zwischen Unternehmen, lokaler Bevölkerung und den Sámi aussehen, wenn sie so durchgeführt werden würde, wie die internationelen Konventionen und das schwedische Bergbaugesetz es vorschreiben?
Nils: Es soll nicht so aussehen wie die australischen Unternehmen es machen. Sie wollen Schulen für die Sámi bauen, aber die Sámi sollten ihnen eigentlich etwas beibringen. Die haben vorgeschlagen, ihnen alle Rentiere abzukaufen. Da gibts keine Kultur mehr wenn alle Rentiere weg sind. Also es gibt hundert verschiedene Worte auf Sámi für Schnee. Der Schnee sieht anders aus, wenn die Rentiere darauf rumgetrampelt haben. Und er sieht anders aus, wenn die Rentiere darin gefressen haben. Im Schwedischen gibt es nur ein Wort für Schnee.
Meike: Seit über 25 Jahren sind bereits Delegationen der Sámi im EU-Parlament zu Besuch. Dennoch gibt es bisher keine Ergebnisse. Und wir sprechen hier über Gebiete wie z.b. Gállok, wo ein Konzern Eisenerz abbauen möchte. Gállok ist aber als Weltkulturerbe von der UNESCO geschützt. Wie kann das sein, daß hier eine Gericht bereits eine Bohrgenehigung erteilt hat?
Nils: Nur ein paar hundert Meter von den Bergwerken, wo gegraben werden soll, ist dieses Weltkulturerbe. Es geht runter bis Bottenviken, bis zur Ostsee. Dem australischen Batteriekonzern Talga ist das egal. Wenn das Gebiet verunreinigt werden sollte, haben die Leute kein reines Trinkwasser mehr. Dieser Konzern spricht davon, daß sie auf keinen Fall das Trinkwasser verunreinigen werden, aber wie können sie sich da so sicher sein? Es gibt Schreckensbilder, wo Bergwerke, die nicht mehr benutzt werden, giftige Substanzen rauslassen.
Meike: Bergbauunternehmen betonen gerne in ihren Pressestatements, daß es beides geben kann - ein Grube und nomadische Rentierhaltung. Aber nach dem, was du uns erzählt hast, daß die Tiere viel Ruhe brauchen, geht das nicht. Kannst du für uns und unsere Hörer*innen die Landschaft beschreiben, denn es ist so weit weg von uns.
Nils: Für mich ist ein Bergwerk dort mit der Landschaft nicht vereinbar. Es gibt einen Berg, den sie kaputtgraben wollen; es gibt Wald, Moore und viele Tannen. Da ist superwenig Störung, wenig Zerstörung, da wo sie jetzt sind und wo sie jetzt graben wollen. Für die Rentiere ist es bisher einfach perfekt. Und dann haben wir einige Meilen bis Esrange. Hinter Esrange wollen die Rentiere nicht sein, da ist so viel Aktivität, da halten sie sich dann fern.
Meike: Wem gehört das Land?
Nils: Den Leuten, die es über Generationen bewahren. Es ist ihrs, und gehört ihren Kindern und Enkelkindern und ihren Urenkelkindern und den Generationen, die danach dort leben werden. Es ist ihre Schuldigkeit und ihre Verantwortung, die Natur zu bewahren.
Meike: Was können wir hier in Deutschland tun, um unsere Solidarität zu zeigen?
Nils: Ich weiß nicht, wie. Auf irgendeine Weise helfen, aber auch sich mit dem Leben der Sámi beschäftigen. Denn es gibt wahrscheinlich nicht viele, die etwas darüber wissen. Versuchen, das Leben der Sámi zu verstehen. Meiner Ansicht nach macht Schweden das auf jeden Fall nicht richtig. Die Deutschen können sich von den Schwed*innen distanzieren im Hinblick darauf, wo sie die Natur zerstören.
Meike: indigene sind immer die ersten, die nicht nur direkt von bergbauprojekten, sondern auch von der globalen erwärmung betroffen sind. welche veränderungn bemerkst du jetzt bereits?
nils: In den Sommern ist es schon viel zu warm und die Rentiere finden keine Schneeflecken mehr, wo sie sich richtig gut ausruhen können. Und wenn sie keine Schneeflecken haben, haben sie auch keinen richtigen Schutz vor Infekten und eben auch keine Ausruhplätze im Sommer. Es kann sein, daß im September schon nasser Schnee kommt, der vereist und die Rentiere fressen dann nur Gewächse vom Boden. Oder es regnet total viel im September und dann kann der Boden nicht mehr richtig trocknen und dann ist der Boden feucht unter dem Schnee und friert. Das kann das Weideland den gesamten Winter in ganzen Gebieten zerstören. Es kann dann auch gefährlich sein für Mensch und Tier – sie können einbrechen, weil das Eis unsicher ist. Das einzig Positive ist, daß es im Frühling früher warm wird und der Schnee früher schmilzt. Aber es kann sein, daß die Rentiere zu wenig Nahrung haben um die Kälber aufzuziehen. Aber dieses Jahr war es ein perfekter Winter, Frühling und Herbst. Der beste Winter seit mindestens 30 Jahren für uns Rentierzüchter*innen.
Meike: Ich habe Videos von Māori in Gállok gesehen bei den Widerstandskämpfen gegen den britischen Bergbaukonzern Beowulf vor 10 Jahren. Es gibt auch Fotos von Sámi in Standing Rock, wo Native Americans ihre Reservation gegen den Bau einer Ölpipeline 2016 verteidigten. Indigene auf der ganzen Welt kämpfen für ihr Land und die Natur. Was bedeutet diese Solidarität der Indigenen Nationen in Umweltprotesten für dich?
Nils: Die Urbevölkerung versteht die Natur. Das Einzige was wir wollen, ist, daß die Natur intakt bleibt und nicht zerstört wird. Alle Urbevölkerungen in der Welt verstehen die Natur besser als die Kolonisator*innen. Deswegen sollten die Indigenen sich gegenseitig stützen.
Meike: wenn due einen wunsch freihättest...
Nils: Ich will einfach, daß es den Rentieren gut geht und daß die Natur nicht zerstört wird und daß wir mit den Rentieren arbeiten können. Wenn es den Rentieren schlecht geht, dann geht es den Rentierzüchter*innen auch schlecht.
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| 18.09.2023 / 10:05 | Tagesaktuelle Redaktion Radio Corax, Radio Corax, Halle |
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