Piepvogel der Woche (472): Der Hula Hoop-Reifen
ID 139204
Elvis’ unsichtbarer Begleiter ...
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
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Skript
Heute: Der Hula Hoop-Reifen.
Von diesem Gerät haben wir schon lange nichts mehr gehört. Daher sei daran erinnert, dass es sowas auf der Erde mal gab: ein Reifen, also eigentlich ein überdimensionaler Ring aus Holz oder Bakelit oder so, dessen einziger Daseinszweck darin bestand, dass eine menschliche Person diesen anstelle eines Gürtels um die Taille legt und dann versucht, das Herunterrutschen des Reifens zu verhindern, indem sie schnelle kreiselnde Bewegungen mit der personeneigenen Körperachse ausführt. – Ehrlich, ein Gürtel wäre weit weniger anstrengend.
Aber es ging beim Hula Hoop-Reifen auch nicht darum, ein Kleidungsstück an angemessener Position zu halten, sondern um so was Ominöses wie Sport. Sport, das ist so was wie Beschäftigungstherapie ohne Smartphone und andere Daddelkisten. – Früher, als Sport noch ohne Strom und Benzin auskommen musste, da wurde halt mit Bällchen und Stöckchen und halt eben auch mit Reifen vorlieb genommen.
Reifen, das muss nun erklärt werden, waren nicht schon immer diese überdimensionierten kreisrund aufgepumpten Ballone mit dem Donut-Appeal, sondern Reifen, das waren früher Ringe aus geschmiedetem Flacheisen, mit denen Fässer und polternde Kutschräder gebaut wurden. Sie hießen damals Reife.
Vermutlich wurde der Sport des Hula Hoop erstmals von Schmieden ausgeübt, als Initiationsritus für die Lehrburschen, die zum Gesellen gekürt werden sollten. Einen Eisenreif von 1,5 Metern Durchmesser um die eigene Hüfte kreisen zu lassen hatte mit Sicherheit einen Fitness-Aspekt, wenn es dem Burschen nur gelang, sich diesen Koloss nicht auf den Fuß fallen zu lassen, oder gar damit die umstehenden Zuschauer reihenweise totzuboxen. Später wurde dann zu Eisenreifen übergegangen, die nur noch 1 Meter Durchmesser hatten; das verursachte weniger Schäden an Mann und Maus. Da aber hiermit die Schmiedeburschen viel schnellere Kreiselbewegungen durchführten, wurde bald aus Lächerlichkeitsgründen darauf verzichtet, und die Dinger wurden endlich an den Böttcher weitergegeben, der schon länger auf seine Bestellung wartete.
Der Reifenkreiselcontest ging aus dem Kollektivgedächtnis verloren und verschwand den Rest des Mittelalters in der Versenkung.
Dann kam das Bakelitzeitalter, aus dem uns nicht nur dunkelbraune Telephone und Klobrillen, sondern auch schon erste Versuche zur Massenbeschallung mit drahtlosen Ätherwellen überliefert sind. Mit dem Bakelitzeitalter kam auch der Hula Hoop-Reif wieder auf; nun aus etwas leichterem Material, aber immer noch unaufgepumpt. Einige Versuche, Reifkreiseln zur olympischen Disziplin zu machen, vergeigten derart, dass daraus das Rhönradeln wurde; auch hier ging man zuerst von einem größtmöglichen Reif-Durchmesser aus und wiederholte so den Fehler der mittelalterlichen Schmiedeburschen. Es ist einfach nicht möglich, 2 Meter Reife um die Körpermitte kreiseln zu lassen, ohne auf die Zuschauer empfindlichen Einfluss zu nehmen, auf Höhe von deren durchschnittlicher Körpermitte. Zudem kam noch eine gewisse Splitterwirkung hinzu – Bakelit ist bei großer Zentrifugal-Beschleunigung durchaus geneigt, sich anstatt als Vollobjekt in Einzelteilen weiterzubewegen.
Das Prozedere ging also noch mal von vorn los: Durchmesser-Verringerung, schnelleres zentrifugieren, lächerlicher aussehen, und außerdem ist das Dunkelbraun des Bakelit eine wirklich unsexy Farbe. Ende Akt 2. Olympia war wieder ohne Hula Hoop.
Andere Kunststoffe wurden entwickelt. Cadmiumgelb und Arsengrün, Anilinblau und andere hübsch leuchtende Farben konnte man nun in Kreisform gießen und sich um die Taille kreiseln lassen. Der Fehler mit dem Riesendurchmesser wurde diesmal unterlassen; dafür hatte man als Ersatz nun bunte Bänder, die raumgreifend geschwenkt werden konnten.
Nach einigen gemeinsamen Performances einigte man sich drauf, dass Hula Hoop und bunte Bänder zwei voneinander getrennte Olympiasportarten sein sollten. Denn den Reifrock in Form eines Netzkleides neu erfinden wollte man eigentlich nicht 1. – Nach dem Entwirren war Hula Hoop bereit, ein Massenphänomen der 70er Jahre zu werden, mit dem Kinder sogar im schulischen Sportunterricht gequält wurden, dort allerdings mit Holzreifen, die zu zahlreichen turnerischen Seltsamkeiten herhalten mussten, von denen Hula Hoop nur eine ist.
Die Durchmesser der Reifen wurden mit der Zeit immer geringer; das führte zum Frisbee, den man nur noch um die Finger kreiseln lassen konnte. Bei Weihnachtsaufführungen dienten Frisbees als Heiligenscheine. Heute übernimmt das die Ringleuchte, die derzeit in der Smartphone-Selfiefotografie von Influencerinnen eine gigantische Rolle spielt.
Von diesem Gerät haben wir schon lange nichts mehr gehört. Daher sei daran erinnert, dass es sowas auf der Erde mal gab: ein Reifen, also eigentlich ein überdimensionaler Ring aus Holz oder Bakelit oder so, dessen einziger Daseinszweck darin bestand, dass eine menschliche Person diesen anstelle eines Gürtels um die Taille legt und dann versucht, das Herunterrutschen des Reifens zu verhindern, indem sie schnelle kreiselnde Bewegungen mit der personeneigenen Körperachse ausführt. – Ehrlich, ein Gürtel wäre weit weniger anstrengend.
Aber es ging beim Hula Hoop-Reifen auch nicht darum, ein Kleidungsstück an angemessener Position zu halten, sondern um so was Ominöses wie Sport. Sport, das ist so was wie Beschäftigungstherapie ohne Smartphone und andere Daddelkisten. – Früher, als Sport noch ohne Strom und Benzin auskommen musste, da wurde halt mit Bällchen und Stöckchen und halt eben auch mit Reifen vorlieb genommen.
Reifen, das muss nun erklärt werden, waren nicht schon immer diese überdimensionierten kreisrund aufgepumpten Ballone mit dem Donut-Appeal, sondern Reifen, das waren früher Ringe aus geschmiedetem Flacheisen, mit denen Fässer und polternde Kutschräder gebaut wurden. Sie hießen damals Reife.
Vermutlich wurde der Sport des Hula Hoop erstmals von Schmieden ausgeübt, als Initiationsritus für die Lehrburschen, die zum Gesellen gekürt werden sollten. Einen Eisenreif von 1,5 Metern Durchmesser um die eigene Hüfte kreisen zu lassen hatte mit Sicherheit einen Fitness-Aspekt, wenn es dem Burschen nur gelang, sich diesen Koloss nicht auf den Fuß fallen zu lassen, oder gar damit die umstehenden Zuschauer reihenweise totzuboxen. Später wurde dann zu Eisenreifen übergegangen, die nur noch 1 Meter Durchmesser hatten; das verursachte weniger Schäden an Mann und Maus. Da aber hiermit die Schmiedeburschen viel schnellere Kreiselbewegungen durchführten, wurde bald aus Lächerlichkeitsgründen darauf verzichtet, und die Dinger wurden endlich an den Böttcher weitergegeben, der schon länger auf seine Bestellung wartete.
Der Reifenkreiselcontest ging aus dem Kollektivgedächtnis verloren und verschwand den Rest des Mittelalters in der Versenkung.
Dann kam das Bakelitzeitalter, aus dem uns nicht nur dunkelbraune Telephone und Klobrillen, sondern auch schon erste Versuche zur Massenbeschallung mit drahtlosen Ätherwellen überliefert sind. Mit dem Bakelitzeitalter kam auch der Hula Hoop-Reif wieder auf; nun aus etwas leichterem Material, aber immer noch unaufgepumpt. Einige Versuche, Reifkreiseln zur olympischen Disziplin zu machen, vergeigten derart, dass daraus das Rhönradeln wurde; auch hier ging man zuerst von einem größtmöglichen Reif-Durchmesser aus und wiederholte so den Fehler der mittelalterlichen Schmiedeburschen. Es ist einfach nicht möglich, 2 Meter Reife um die Körpermitte kreiseln zu lassen, ohne auf die Zuschauer empfindlichen Einfluss zu nehmen, auf Höhe von deren durchschnittlicher Körpermitte. Zudem kam noch eine gewisse Splitterwirkung hinzu – Bakelit ist bei großer Zentrifugal-Beschleunigung durchaus geneigt, sich anstatt als Vollobjekt in Einzelteilen weiterzubewegen.
Das Prozedere ging also noch mal von vorn los: Durchmesser-Verringerung, schnelleres zentrifugieren, lächerlicher aussehen, und außerdem ist das Dunkelbraun des Bakelit eine wirklich unsexy Farbe. Ende Akt 2. Olympia war wieder ohne Hula Hoop.
Andere Kunststoffe wurden entwickelt. Cadmiumgelb und Arsengrün, Anilinblau und andere hübsch leuchtende Farben konnte man nun in Kreisform gießen und sich um die Taille kreiseln lassen. Der Fehler mit dem Riesendurchmesser wurde diesmal unterlassen; dafür hatte man als Ersatz nun bunte Bänder, die raumgreifend geschwenkt werden konnten.
Nach einigen gemeinsamen Performances einigte man sich drauf, dass Hula Hoop und bunte Bänder zwei voneinander getrennte Olympiasportarten sein sollten. Denn den Reifrock in Form eines Netzkleides neu erfinden wollte man eigentlich nicht 1. – Nach dem Entwirren war Hula Hoop bereit, ein Massenphänomen der 70er Jahre zu werden, mit dem Kinder sogar im schulischen Sportunterricht gequält wurden, dort allerdings mit Holzreifen, die zu zahlreichen turnerischen Seltsamkeiten herhalten mussten, von denen Hula Hoop nur eine ist.
Die Durchmesser der Reifen wurden mit der Zeit immer geringer; das führte zum Frisbee, den man nur noch um die Finger kreiseln lassen konnte. Bei Weihnachtsaufführungen dienten Frisbees als Heiligenscheine. Heute übernimmt das die Ringleuchte, die derzeit in der Smartphone-Selfiefotografie von Influencerinnen eine gigantische Rolle spielt.

