"Wir marginalisierten Frauen müssen die Arbeit immer selbst machen"

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Indigene Frauen in Kanada sind heute siebenmal häufiger Opfer eines Mordes als nicht-Indigene Frauen, und auch die Wahrscheinlichkeit, sexuelle Gewalt zu erfahren, ist wesentlich höher. Gegen die Gewalt an Indigenen Frauen* in Kanada wehren sich Aktivistinnen auf juristischem und praktischem Weg. Jules Koostachin drehte 2022 den Spielfilm Broken Angel über eine Indigene Frau, die die Misshandlungen durch ihren weißen Partner nicht länger hinnehmen möchte. Die Filmemacherin, Regisseurin, Schauspielerin und Produzentin Jules Koostachin bezeichnet sich selbst als Überlebende und hat selbst lange ein Frauenschutzhaus geleitet. Mit ihr sprach die meike.
Audio
12:18 min, 11 MB, mp3
mp3, 128 kbit/s, Stereo (48000 kHz)
Upload vom 07.03.2023 / 15:57
Klassifizierung

Beitragsart: Gebauter Beitrag
Sprache: deutsch
Redaktionsbereich:
Serie: Süd-Nord-Funk
Entstehung

AutorInnen: die meike
Radio: RDL, Freiburg im www
Produktionsdatum: 07.03.2023
CC BY-NC-SA
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
Skript
Trailer broken angel

Introduction min 00 – 00:41 wuchs Jules bei ihren cree sprechenden
Großeltern in moosonee und bei ihrer mutter in ottawa auf, einer überlebenden
des internatsschulsystems.

Jules: Oh hi! Also ich bin Jules Koostachin [Ku’statschin], ich wohne in Vancouver, Kanada auf dem unbesiedelten Land der Coast Salish Leute. Ich komme eigentlich aus Nordontario, Attawapiskat First Nation, das ist meine Reservation, meine Heimatgemeinde. Ich wurde von meinen Großeltern in Moosonee großgezogen und ja – ich freue mich, hier zu sein!

Mod: Das ist dr. jules koostachin, Filmemacherin, Regisseurin, Schauspielerin und Produzentin. Sie erzählt “Geschichten, die bedeutsam sind”, wie sie auf dem 9. Nordamerika Filmfestival in Stuttgart Anfang Februar selbt sagte. 2007 gründete sie ihre Produktionsfirma VisJuelles, die insbesondere Indigenen Menschen und marginalisierten Frauen die Möglichkeit geben soll, eine Karriere in Film und Fernsehen zu starten. In ihren Dokumentationen filmt sie ihre Zwillinge bei ihrem Initiationsritual und wie ihre älteren Söhne das Jagen und Fallenstellen in verschiedenen Indigenen Gemeinden lernen; in Placenta von 2012 thematisiert sie Geburtenrituale; in Wapake (Morgen) spürt sie den generationenübergreifenden Traumata und die generationenübergreifenden Resilienzen der Residential Schools, der Internatsschulen nach, denn sie ist selbst das Kind einer Überlebenden der Residential Schools. Sie „liebt Geister- und Gruselgeschichten“, wie sie im Interview sagte und sie erzählt sehr persönliche Geschichten. In ihren Filmen geht es um den Kampf gegen den diskriminierenden Indian Act, um Landrückgabe und die spirituelle Ebene; Zurück auf das Land gehen und von den Ältesten und Wissensbewahrerinnen lernen; aber auch um Humor.
Jules promovierte 2021 über Gender, Race, Gewalt und Indigene Dokumentarfilme. Außerdem arbeitete sie vor zehn Jahren im sozialen Bereich, unter anderem bei Elisabeth Fry, und in einem Frauenschutzhaus für Indigene Frauen.

Jules: Ich habe also mit Frauen gearbeitet, die vor häuslicher Gewalt fliehen, und mit Frauen, die vor Gewalt auf der Straße fliehen. Und dann habe ich bei Elisabeth Fry auch mit inhaftierten Frauen gearbeitet oder mit Frauen, denen eine Inhaftierung droht. Ich weiß, dass wir im Gefängnissystem überrepräsentiert sind und zwar alle Geschlechter. Und ich weiß, dass das mit Racial Profiling und strukturellem Rassismus zu tun hat. Es gibt viele Gründe, warum das passiert und es ist sicher nicht die Schuld der First Nations.

mod: jules bezeichnet sich selbst als Überlebende. In ihrem Deinem Spielfilm Broken Angel, der 2022 in die Kinos kam, zeigt sie eine junge Indigene allerziehende Mutter, die nicht länger bereit ist, die Mißhandlungen ihres weißen gewalttätigen Partners hinzunehmen und mit ihrer halbwüchsigen Tochter in ein Frauenschutzhaus in ihrere Reservation flieht.

Jules: Ich habe sehr lange ein Frauenhaus geleitet. Das bedeutet, dass ich Zugang zu einer Welt hatte, zu der viele Menschen keinen Zugang haben, es sei denn, sie sind Teil des Systems oder brauchen Hilfe oder Unterstützung. Es war also wirklich eine Herausforderung, eine schwierige Zeit. Ich habe das Gefühl, dass ich mich als Indigene Frau, die ich in meinem Leben viele Hindernisse und viel Gewalt erlebt habe, mit der Hauptfigur identifizieren konnte. Ich wusste, was die Einzelne tun muss, um sich aus solchen Situationen zu befreien. Deshalb sehen wir am Ende des ersten Aktes von "Broken Angel", wie strategisch sie bei ihrer Flucht vorgeht: Sie hat Taschen mit Lebensmitteln vorbereitet; ihre Nachbarin wartet im Auto auf sie; sie hat Geld und ihren Ausweis unter ihrer Matratze versteckt. Das sind Dinge, die wir mit unseren Klientinnen in der Unterkunft gemacht haben: einen Notfallplan erstellen für den Fall, dass sie zurückkehren oder bei einem anderen Täter oder Töter landen. Wir wollten also sicherstellen, dass unsere Klientinnen eine Handlungsoption haben und daß sie wissen, dass sie einen Ort haben, an den sie zurückkehren können, wenn sie uns brauchen. Es gab Zeiten, in denen wir ihre Ausweise für sie aufbewahrt haben, weil ihnen diese manchmal von der übergriffigen Person weggenommen wurden. Es gibt ja leider eine Menge Dinge, die passieren oder schiefgehen können, wenn Frauen sich in solch einer Situation wiederfinden.
Manchmal ist ein Frauenschutzhaus vielleicht nicht der beste Ort: du bist in einem Haus mit vielleicht 20 anderen Frauen und Kindern; es fühlt sich manchmal vielleicht beengt an; du hast nicht viel Platz; du mußt dein Zimmer mit jemandem teilen; du mußt die Hausarbeit machen; du mußt kochen und du mußt dich ein- und austragen. Letzteres dient der Sicherheit unserer Klientinnen, damit wir immer wissen, wo sie sind falls etwas passiert – denn es kann leider immer etwas passieren.
Also ja, ich habe das Gefühl, dass ich diese tiefe bewußte Wahrnehmung, eine Sensibilität und ein Verständnis in die Geschichte eingebracht habe – weil ich selbst eine Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt bin und selbst in dem System gearbeitet habe – das jemand anderes vielleicht nicht hätte, weil er oder sie diese Erfahrung nicht gemacht hat.

Mod: jules‘ Spielfilm Broken Angel spricht viele Themen an, so auch die Überrepräsentierung Indigener Menschen im Gefängnissystem, häusliche Gewalt, geschlechtsspezifische Gewalt und Transinklusion. Die Elizabeth Fry Gesellschaft von Vancouver, die jules zuvor erwähnte, ist eine gemeinnützige Organisation, die inhaftierte Frauen, Mädchen und deren Kinder, oder von Inhaftierung bedrohte Menschen unterstützt um den Kreislauf von Armut, Sucht, psychischen Erkrankungen, Obdachlosigkeit und Kriminalität zu durchbrechen.
Benannt ist sie nach der britischen Reformerin des Gefängniswesens Elizabeth Fry, die als „Engel der Gefängnisse“ bekannt ist.

Jules: Als ich in den frühen 2000er Jahren das Frauenhaus leitete, haben wir viel mit einer queeren Organisation zusammengearbeitet, die zu uns kam und Workshops mit meinen Mitarbeiterinnen durchführte. Ich wollt, dass unser Angebot inklusiver wird, dass wir niemanden abweisen. Wir hatten eine LGBTQ+-Politik und haben im Vorstand eine Menge Arbeit in Bezug auf unsere Grundsätze geleistet. Aber das war damals, also bin ich mir sicher, dass sich die Dinge in Bezug auf die Grundsätze seitdem geändert haben. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich eine der Wegbereiterinnen war, die diese Arbeit begonnen hat.
Wir haben im Alltag darauf geachtet, dass die Personalausweise der Menschen fotokopiert werden und ihre Akten über einen langen Zeitraum bei uns aufbewahrt werden. Wir waren auch sehr gewissenhaft bei der Dokumentation, weil viele unserer Klientinne vor Gericht vorgeladen wurden. Und wie Du vielleicht weißt, können viele dieser Unterlagen möglicherweise vor Gericht gegen sie verwendet werden. Ich überprüfte also all diese Dokumente und Akten und sogar unser Kommunikationslogbuch, um sicherzustellen, dass wir nichts taten, was unseren Klientinnen von Nachteil sein könnte oder alles nur noch schlimmer macht. Da es sich um ein Frauenschutzhaus für Indigene Frauen handelte, stellten wir vorrangig Betten für Indigene Frauen zur Verfügung, aber wenn es freie Betten gab, öffneten wir uns für alle Menschen auf der Flucht.
Natürlich gibt es noch viel zu tun, denn es wird ja von der Regierung finanziert, also gibt es auch Einschränkungen in Bezug auf das, was man tun kann. Ich denke, dass es ein guter Ausgangspunkt ist, mit einem grundsätzlichen Konzept zu beginnen, um Inklusivität zu gewährleisten. Und wir haben die "Herstory of Care" gemacht, die, glaube ich, jetzt "Theirstory of Care" heißt. Und das war eine weitere Maßnahme, die wir ergriffen haben: Wenn die Einzelne oder die Klientin in der Lage war und sich wohl dabei fühlte, hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, anstatt dass wir als Mitarbeiterinnen ihre Geschichte interpretierten. Denn sie ist ja die Expertin für ihr Leben. Sie weiß, was sie braucht, sie kennt ihre Geschichte besser als jede andere. Wir haben also dafür gesorgt, dass dieser Teil ihres Aufenthaltes bei uns von den Klientinnen selbst gestaltet wurde. Das waren die Dinge, die ich umgesetzt habe. Ich glaube, ich war ziemlich gut darin, wenn ich jetzt zurückdenke, das war vor 10 Jahren wie gesagt, aber es war eine Menge guter Arbeit. (lacht)


jules: Wir Indigenen machen immer die ganze Arbeit. Wir müssen die ganze emotionale Last tragen. Das ist vermutlich immer der Fall, überall auf der Welt. Wir, die immer schon marginalisiert wurden und werden, müssen den Wandel selbst herbeiführen.