Von Bretton Woods über Nixon-Schock zu Mar a Lago Accord MC#23

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2. Teil
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Die Weltwirtschaft funktioniert im amerikanischen Zeitalter nach amerikanischen Spielregeln. Dabei ändert die Alpha-Nation die Bedingungen immer wieder, wenn es ihren Interessen nützt. Aktuell vollzieht Donald Trump eine solche Wirtschaftsdisruption.
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Upload vom 20.04.2025 / 17:38
Klassifizierung

Beitragsart: Gebauter Beitrag
Sprache: deutsch
Redaktionsbereich: Wirtschaft/Soziales, Politik/Info
Serie: Moneycracy
Entstehung

AutorInnen: F. Liberatout
Radio: corax, Halle im www
Produktionsdatum: 20.04.2025
CC BY-NC-SA
Creative Commons BY-NC-SA
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen erwünscht
Skript
Von Bretton Woods über Nixon-Schock zu Mar a Lago Accord

Die Weltwirtschaft funktioniert im amerikanischen Zeitalter nach amerikanischen Spielregeln. Dabei ändert die Alpha-Nation die Bedingungen immer wieder, wenn es ihren Interessen nützt. Aktuell vollzieht Donald Trump eine solche Wirtschaftsdisruption.

Die Ausgangslage im sogenannten amerikanischen Jahrhundert war zunächst nicht gut. Die Weltwirtschaftskrise der 1930 Jahre hatte global zu Verarmung und Währungsturbulenzen geführt. Die Wirtschaftsordnung der Zwischenkriegszeit war zusammengebrochen und hatte zu Autotarismus und Weltkrieg geführt.
1944 war den Westallierten klar, dass der Sieg über Nazideutschland nur noch eine Frage der Zeit war und sie trafen sich im wunderschön abgelegenen US-Kurort Bretton-Woods, um Pläne für eine Nachkriegswirtschaftsordnung zu entwerfen. Die vielen Wirren und wirtschaftlichen Verwerfungen nach dem 1. Weltkrieg hatten gelehrt, dass es klug war, sich Gedanke zu einem Währungssystem zu machen. Es ging hinsichtlich der Wechselkurse darum, ein Chaos und ein Zusammenbrechen von Währungen wie nach 1918 zu vermeiden. Dazu wurde der Dollar als Ankerwährung etabliert und die übrigen westlichen Währungen in einem festen Verhältnis zum Dollar mit geringen Schwankungsbreiten festgelegt. Die Stabilität des Systems sollte über die Stärke des Dollars als der Währung der damals weitaus stärksten Wirtschaftsmacht der Welt garantiert werden. Zudem wurde der Dollar wiederum über Goldreserven abgesichert. Die USA versprachen den Zentralbanken - nicht mehr den BürgerInnen – Dollar jederzeit zum Kurs von 35 Dollar je Unze einzutauschen. 1945 lagerten die Hälfte aller weltweiten Goldreserven in Fort Knox, da war das glaubhaft.
Da zudem alle Waren der Welt problemlos in Dollar gekauft werden konnten und wichtige Rohstoffe, hier besonders wichtig im Verlauf das Erdöl, nur in Dollar gehandelt wurden, hatten alle Länder einen Anreiz für hohe Dollarreserven. Der Dollar wurde daher zur Weltreservewährung und die Mehrzahl der Milliarden an Dollar lagert nicht in den USA, sondern in den Zentralbanktresoren dieser Welt. Die Dollarreserven der einzelnen Staaten bedeuteten dadurch eine Absicherung der eigenen Währung ähnlich wie eine frühere Golddeckung – zumindest so lange der Dollar als stabil und wertbeständig gelten konnte und selbst über Gold abgesichert war.
Das System von Bretton-Woods erwies sich über die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte als Erfolgskonzept. Größere Währungsturbulenzen konnten wie geplant vermieden werden. Die USA profitierten von dem Umstand, dass sie Waren in aller Welt günstig einkaufen konnten und gleichzeitig ihren zunehmenden Verschuldungsstand in die Notenbanken der westlichen Welt exportieren konnten. Die westeuropäischen Staaten und Japan profitierten, weil sie durch die festgelegten Währungsparitäten preiswerte Waren auf dem Weltmarkt anbieten konnten und damit sehr erfolgreiche Exporteure wurden und zu unerwartetem Wohlstand kamen. Die Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit sind wesentlich auf diese festgelegten Währungsparitäten zurückzuführen.

Trotz dieser positiven Effekte besaß Bretton Woods eingebaute Konstruktionsfehler, die es früher oder später zum scheitern bringen mussten. Das hatte der belgische Ölononom Triffin bereits früh erkannt weshalb die Schwierigkeiten auch Triffin Dilemma genannt wurden. Die Weltwirtschaft wuchs ab 1950 sehr stark, stärker als je zuvor in der Geschichte. Daher wurden immer mehr Dollar, als Währungseinheiten der Leitwährung benötigt und in der Folge auch gedruckt. Die USA hätten nun beständig Gold als Reserven kaufen müssen. Sie konnte das nicht, weder finanziell noch faktisch. Die Dollarmenge war bereits in den sechziger Jahren so aufgebläht, dass es überhaupt nicht genügend physisches Gold auf dem Planeten gegeben hätte.
Das nächste Problem bestand im Goldkurs selbst. Die Festlegung auf 35 Dollar pro Unze erfolgte 1945, einem Zeitpunkt als der private Besitz von Gold in den meisten großen Wirtschaftsnationen verboten war. Goldhandel fand zu diesem Zeitpunkt mit Ausnahme von Schmuck praktisch nur zwischenstaatlich statt und der Goldkurs blieb über Jahrzehnte konstant. Das änderte sich in der Folgezeit. Ende der sechziger Jahre stieg der Goldkurs auf teilweise über 40 Dollar pro Unze. Das brachte gerade für die beiden Exportweltmeister Japan und Deutschland interessante Geschäftsmöglichkeiten. Die beiden Nationen nahmen durch ihre starken Exporte in die USA viele Milliarden Dollar ein, wovon sie einen Teil in Gold gemäß den Bretton Wood Abkommen zu zu 35 Dollar die Unze eintauschten. In diesen Jahren entstanden die riesigen deutschen und japanischen Goldschätze als Währungsreserven. Wenn der Goldpreis nun stieg verkauften diese Notenbank einiges Gold, das sie dann wieder günstig in den USA nach Bretton Woods nachkaufen konnten.
Außerdem waren die festen Wechselkurse in einem immer weiter steigenden Welthandel am Vorabend zur Globalisierung nicht wirklich zu halten. Wiederum profitierten die Verlierennationen des zweiten Weltkrieges, die mit niedrigen Werten ihrer Währung bestraft worden waren, von diesem System. Die hinsichtlich der Wirtschaftsleistung deutlich unterbewerteten Währungen DM und Yen halfen den Nationen zur ihren enormen Exporterfolgen, weil sie ihre Waren, gerade in den USA enorm billig machten.
Die Amerikaner hatten das Bretton Woods System 1945 auf ihre Bedürfnisse zurechtgeschnitten. Der Dollar als Weltleitwährung garantierte ihnen günstige Rohstoffpreise und günstigen Einkauf überall auf der Welt. Die Schulden, die sie dabei im Verlauf der Zeit machten, konnte sie exportieren, da alle Welt Dollar kaufen mussten und dies in Form von Dollaranleihen taten. Was den USA über 2 Jahrzehnte in seltenem Einklang mit den Partnerstaaten des freien Westens ungekannten Wohlstand gebracht hatte, hatte sich Ende der sechziger Jahre zu einem großen Problem entwickelt.
Präsident Richard Nixon verkündigte daher am 15.07.1971 einseitig und ohne Vorwarnung an die Partner das Ende des bisherigen Weltwirtschaftssystems. In einer landesweiten Ansprache an die Nation, die in einer Unterbrechung der beliebten Fernsehserie Bonanza ausgestraft wurde, soviel Wilder Westen musste schon sein, sagte er:
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Kurz zusammengefasst verkündete Nixon das Ende der Goldumtausschpflicht und damit das Ende fester Wechselkurse an. Er wolle damit verhindern, dass die Dollar von internationalen Finanzakteuren als Geisel genommen werden könne. Eine Abwertung des Dollars wird eingeleitet. Weiterhin kündigte er eine 10 Prozentige Importsteuer auf alle Waren an, um die Effekte unfairer Handelsbedingungen zu milden.
Ich denke das kommt allen bekannt vor. Aber zunächst sind wir noch nicht bei Trump. Denn nach dem einseitig verkündeten Ende von Bretton Woods musste sich die Weltwirtschaft neu organisieren. Genau wie heute wirkt ein tiefgreifender Paradigmenwechsel der USA sich bis in den letzten Winkel der Welt aus.
In ihrer Schwächephase der siebziger Jahre konnte die USA der Weltwirtschaft zunächst kein direktes Nachfolgeregime aufzwingen. Der freie Teil der Welt verschrieb sich im Verlauf neoliberalen Konzepten mit freie flottierenden Wechselkursen, Freihandel und Abbau von Handelshemmnissen. Milton Friedman, damals Berater von Nixon, späterer Nobelpreisträger und bestgehasster Ökonom aller Staatsgläubigen und vieler Linker , hatte die Blaupause dafür vorgegeben.
Ein anderer interessanter Folgeeffekt sei hier noch dargestellt. Die Mitglieder der EWG sowie Großbritannien und die Schweiz verabredeten einen Schwankungskorridor ihrer Währungen, da mit dem Verlust des fixen Bezugspunktes Dollar auch das Verhältnis dieser nationalen Währungen untereinander einer Regelung bedurfte. Die dafür gegründeten Institutionen und Verträge entwickelten sich schrittweise weiter und führten schließlich zum Euro.

Nixon selbst und seine beiden Nachfolger verstanden die wirtschaftspolitischen Konsequenzen des Paradigmenwechsels nicht und blieben in vergeblicher Inflationsbekämpfung gefangen.
Erst unter Ronald Reagan sprangen die USA mit Vehemenz auf den bereits fahrenden Zug einer liberalisierten Weltwirtschaft auf und schufen die Vorraumsetzungen für die folgenden Jahrzehnte einer Globalisierung bislang ungekannten Ausmaßes. Globalisierung und Digitalisierung erlauben zusammen mit den von Hindernissen befreiten Finanzmärkten die Überwindung der tiefen Systemkrise der siebziger Jahre – hört euch gerne unseren dazu Podcast an. Ab 1980 ging die Wohlstandsentwicklung weltweit wieder nach oben, jedoch blieb das nicht ohne negativen Konsequenzen für die Vereinigten Staaten .
Bezogen auf die USA stiegen deren Schulden weiter massiv an und die inländische Industrieproduktion sank beständig. Die Vereinigten Staaten blieben in ihrem Paradox gefangen, sie sind das reichste Land der Erde und gleichzeitig das am stärksten verschuldete.
An dieser Stelle setzt der Mar a Lago Accord an: Er sieht erstens vor, wie Nixon den Dollar gezielt abwerten. Dadurch sollen in bekannter Weise Importe teurer und damit reduziert werden und Exporte billiger und damit wahrscheinlicher. Damit soll das enorme Handelsdefizit sinken.1985 verfolgte Präsident Reagan mit dem sogenannten Plaza Accord das gleiche Ziel. Der entscheidende Unterschied, Reagan besprach und verhandelte – daher auch der Begriff Accord – mit den 5 stärksten Währungen der Welt eine gezielte Abwertung des Dollars.
Der nächste Punkt der Mar a Lago Pläne läuft auf eine zwangsweise Umschuldung des größten Schuldners der Welt hinaus. Wer militärischen Schutz der USA braucht und/oder keine wahnwitzigen Importsteuern auf seine Waren erdulden will, muss eine Umschuldung mit Nullzins und ewiger Laufzeit akzeptieren. Realistisch gesprochen stellt dieses Diktat einen Zahlungsausfall der USA dar, etwas was man sich ohne weitreichende Untergangsfantasien bislang nicht vorstellen konnte. Der Plan wirkt daher in jeder möglichen Denkrichtung wahnwitzig und die größten Kreditgeber, nämlich China, Japan, Großbritannien, Luxemburg und die Cayman Inseln werden sich kaum darauf einlassen. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen nicht auf den Schutz der USA direkt angewiesen, eventuell mit Ausnahme von Japan. Die Zölle allein genügen kaum als Druckmittel und sind ein sehr zweischneidiges Schwert, wie Herr Trump gerade zu lernen beginnt.
Wie die Sache auch weitergeht, Trump hat wie dereinst das Bretton Wood System und der Nixon Schock die Bedingungen der Weltwirtschaft einseitig neu definiert, mit noch unbekannten Folgen für uns alle.

Quellenangaben: https://www.youtube.com/watch?v=rcnhF09Q...
Öffentlich zugängliche Audioquelle - Ausschnitte der Nixonrede gekürzt.

von F. Liberatout
Anregungen und Kritik an: moneycracy@riseup.net


Kommentare
22.04.2025 / 18:00 Monika, bermuda.funk - Freies Radio Rhein-Neckar
in sonar
am 22.04.. Vielen Dank !